Lizzo – About Damn Time
Der US-amerikanische Nachrichtensender charakterisiert sie irgendwo zwischen Amy Winehouse in schlicht, Erykah Badu in frech und Beyoncé – eine ziemliche Hausnummer, die damit Melissa Viviane Jefferson zu tragen hat. Melissa wer? Egal, denn Fans kennen sie eh unter ihrem Künstlernamen Lizzo.
Ikone im Kampf gegen Bodyshaming
Spätestens jetzt dürften die Glöckchen klingeln. Denn Lizzo gehört zu dem Angesagtesten, was die Szene zwischen Pop, R&B und HipHop in den letzten Jahren zu bieten hat. Und das nicht nur, weil Lizzo ein lebendes Beispiel dafür ist, dass Bodyshaming eine ziemlich dämliche Sache ist. Sie nennt sich selbst „fat“ und steht mehr zu ihrem ausgeprägten Körper, als sich ein Peter Paul Rubens das vor rund 400 Jahren zu malen gewagt hätte. Um Missverständnissen zu begegnen: Diese Thematik wird an dieser Stelle nur deshalb angesprochen, weil Lizzo selbst gekonnt mit ihrem Aussehen spielt. Aus gutem Grund ließ sie sich vor drei Jahren für das Cover ihres Albums „Cuz I Luv You“ ohne Klamotten ablichten.
Seit 2019 ein Superstar
Aber Lizzo ist viel mehr als eine Ikone im Kampf gegen das Bodyshaming: Schon 2019 kürte sie das renommierte TIME-Magazine zum „Entertainer of the Year“. Im gleichen Jahr rissen sich Netflix und die Industrie darum, ihre Songs als Werbetrailer verwenden zu dürfen. Auftritte bei den American Music Awards, den MTV Video Music Awards, den Grammy Awards, bei Saturday Night Live und viele andere folgten, das alles begleitet von einer schieren Dauerpräsenz in Zeitschriften wie dem Rolling Stone, Billboard, Britische Vogue, Elle und etlichen anderen. Wer so weit gekommen ist, hat es geschafft. Und kann seine Popularität anderweitig nutzen, so zum Beispiel für eine eigene Modelinie.
Kindheit voller Gospel
Jede Wette, dass sich das die Eltern von Melissa Viviane Jefferson nicht träumen ließen, als ihre Tochter 1988 das elektrische Licht der Welt erblickte – in Detroit, der früheren Automobilmetropole der USA, die in den 1980er so eine rasante Talfahrt in Sachen Wohlstand durchmachte.
In ihren ersten Lebensjahren kam Klein-Melissa vor allem mit Gospelmusik in Berührung. Doch musikalisch blieb sie nicht allzu lange beim frommen Stoff: Schon bald nach dem Umzug der Eltern nach Houston kam sie mit HipHop in Berührung und, welch ein Spagat, begeisterte sich für klassische Musik. So ganz nebenbei begann sie mit dem Flötenspiel, was später dazu führte, dass sich Klein-Melissa, mittlerweile schon etwas größer, an der University of Houston mit dem Hauptfach „Klassische Flöte“ einschrieb. Zwischendurch allerdings war sie auch in einer Marching Band und in
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Album „Special“
Im Juli erschien Lizzos aktuelles Album „Special“ – auch das mit einer ziemlichen Bürde: Denn ihr Vorgängeralbum „Cuz I Luv You“ durfte sich kurz nach seinem Erscheinen mit dem Titel „Bestes zeitgenössisches urbanes Album“ schmücken – zumindest vom Namen her ist das kaum zu toppen. Musikalische möglicherweise schon. Denn die Singleauskopplung „About Damn Time“ bringt es innerhalb von rund zwei Monaten auf über 72 Millionen Aufrufe.
About Damn Time
Ziemlich überraschend ist „About Damn Time“ als Disco-Funk gestaltet – etwas zum Gehen, was aus dieser dunklen Zeit herausführt, so Lizzo im April in der Show „New Music Daily“. Damit unterstreicht der Rhythmus den Inhalt des Songs.
„Es ist eine böse Schlampe auf der Uhr, ja, es ist halb vier
Ich habe eine Menge durchgemacht, aber ich bin immer noch flirtend (okay)
Sind alle wieder oben im Gebäude?
Es ist eine Minute her. Erzähl mir, wie du dich erholst.‘
Denn ich bin dabei, meine Gefühle zu entdecken
Wie fühlst du dich? Wie fühlst du dich jetzt gerade?
Oh, ich war so niedergeschlagen und stand unter Druck
Mir geht’s viel zu gut, um so gestresst zu sein, ja
Oh, ich bin nicht mehr das Mädchen, das ich mal war
Äh, Schlampe, ich könnte besser sein!“
Tod des Vaters
Drei lange Jahre habe sie an ihrem aktuellen Album gearbeitet, so Lizzo im Interview mit ET Canada. Dabei habe sie zwischen 175 und 200 Songs geschrieben. Nachdem sie „About Damn Time“ geschrieben hatte, habe sie aber etliche der Songs, die eigentlich auf das Album sollten, wieder verworfen. Denn diese Songs passten nicht mehr zu der besonderen Stimmung, die „About Damn Time“ erzeugte.
Der Inhalt des Songs lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Lizzo hat eine harte Zeit hinter sich. Möglicherweise spielt sie damit auch auf den Tod ihres geliebten Vaters im Jahr 2010 an, der sie phasenweise in eine tiefe Depression fallen ließ. Aber auch ohne diesen Schicksalsschlag hat sie sich in der Vergangenheit zu viele Sorgen gemacht. Damit soll nun Schluss sein. Lizzo hat zu sich selbst gefunden, kann sich selbst annehmen und lieben – und ist vielleicht auch deshalb so erfolgreich mit dem, was sie tut. Jetzt also ist eine Zeit angebrochen, in der Lebensfreude und Ausgelassenheit überwiegen, trübe Gedanken keinen Platz mehr haben.
Alles andere als schlicht
Wenn CNN Lizzo zwischen Beyonce, Erykah Badu und einer schlichten Version von Amy Winehouse einordnete, setzt sich Lizzo gegen diese Kategorisierung erfolgreich zur Wehr. Denn schlicht ist das, was hinter den Worten zu finden ist, keineswegs. Im Gegenteil. Dahinter verbirgt sich eine, so pathetisch das jetzt auch klingt, tiefe Menschheitserfahrung: Dass es nämlich für alles im Leben eine entsprechende Zeit gibt.
Prediger / Kohelet 3,1 ff
Die Bibel drückt das sehr detailliert und zugleich poetisch aus, wenn im Buch Kohelet (Buch des Predigers) notiert ist:
„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:
eine Zeit zum Gebären / und eine Zeit zum Sterben, / eine Zeit zum Pflanzen / und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen,
eine Zeit zum Töten / und eine Zeit zum Heilen, / eine Zeit zum Niederreißen / und eine Zeit zum Bauen,
eine Zeit zum Weinen / und eine Zeit zum Lachen, / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz;
eine Zeit zum Steinewerfen / und eine Zeit zum Steinesammeln, / eine Zeit zum Umarmen / und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,
eine Zeit zum Suchen / und eine Zeit zum Verlieren, / eine Zeit zum Behalten/ und eine Zeit zum Wegwerfen,
eine Zeit zum Zerreißen/ und eine Zeit zum Zusammennähen, / eine Zeit zum Schweigen / und eine Zeit zum Reden,
eine Zeit zum Lieben / und eine Zeit zum Hassen, / eine Zeit für den Krieg / und eine Zeit für den Frieden.“
Höchste Zeit zu leben
Jetzt, nach einer Zeit voller Sorgen und Probleme, so Lizzo, ist es höchste Zeit, eine Zeit der Lebensfreude, des Tanzes und des unbeschwerten Fröhlichseins auszurufen. Und vor allem: so eine Zeit auszukosten und zu leben.
Eine ganze Menge, was man da über Zeit sagen kann: Lizzo und „About Damn Time“.
Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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