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Giant Rooks – Somebody Like You

Etwa 51 Grad, 41 Minuten nördliche Breite, 47, 9 Minuten Grad östliche Länge – das ungefähr sind die Koordinaten der Stadt Hamm in Nordrhein-Westfalen. 1226 gründete sie Graf Adolf I. von der Mark, allerdings nicht,

Graf Adolf I. von der Mark, Nienbrügge statt Hamm

um ihren Bürgern ein Geschenk zu machen, sondern aus reinem Machtkalkül: Hamm sollte, wie andere Stadtgründungen des Grafen, eine Art befestigtes Bollwerk gegen die Machtansprüche des Erzbischofs von Köln darstellen. Dass im weiteren Verlauf der Geschichte der Erzbischof von einem nahen Verwandten ins Jenseits befördert wurde und daraufhin der Verwandte geächtet und hingerichtet wurde, ist anderen Ortes genauer beschrieben. Immerhin: Besagter Graf Adolf sorgte dafür, dass die Stadt Nienbrügge aus dem Besitz des Verwandten nach kurzer Zeit nur noch als Baumaterial verwendet werden konnte. Den betroffenen Bewohnern der zum Schutthaufen gewordenen Stadt bot Adolf, im neugegründeten Hamm eine Bleibe an. Ja, großzügig war er schon, der Herr Graf Adolf I. Da konnten ihm damals die Bewohner des geschleiften Nienbrügge also mal so richtig dankbar sein.

Rabe, Schwieters, Wischinowski, Thomas & Göttner

Und wir sollten das auch. Denn weil Graf Adolf I. seinerzeit Hamm gegründet hat, leben dort überhaupt Menschen. Bis heute. Zwei davon sind die Cousins Frederik Rabe und Finn Schwieters. Frederik entdeckte bereits im Kindesalter seine Leidenschaft für Gitarre, Gesang und Percussioninstrumente; Finn begeisterte sich fürs Gitarrenspiel. Gemeinsam schrieben sie eigene Songs, spielten in der Folgezeit in unterschiedlichen Bands. Erst im Sommer 2014 beschlossen sie, es mit einer gemeinsamen Band zu suchen. Nach und nach stießen weitere Musiker hinzu. Mit Jonathan Wischinowski an den Keyboards, Finn Thomas am Schlagzeug und Anfang 2015 Luca Göttner am Bass stand das endgültige Line-Up. Und Giant Rooks hatte seine aktuelle Besetzung erreicht – und das mit Musikern, von denen mehrere zu diesem Zeitpunkt noch regelmäßig im Hammer Freiherr-vom-Stein-Gymnasium die Schulbank drückten und sich aufs Abitur vorbereiteten.

Giant Rooks

So gesehen vergeht also gar nicht einmal eine sooooo lange Zeit, bis die Karriere der Jungs an Fahrt aufnimmt: 2015 erscheint mit „The Times Are Bursting The Lines“ eine erste EP. Im Jahr darauf gehen die Giant Rooks mit Razz, Kraftklub, Von Wegen Lisbeth und The Temper Trap auf Tour.
2017 folgt mit „New Estate“ die zweite EP, der die Scouts des Plattenriesen Universal auf den Hammer (sorry, natürlich: DIE Hammer) aufmerksam werden lässt. Noch im selben Jahr gehen Giant Rooks erstmals als Headliner auf Tour. Und siehe da: Die bespielten Hallen werden dank der steigenden Nachfrage nach Tickets immer größer.

Über 50 Millionen Streams

Als 2019 die dritte EP „Wild Stare“ erscheint, öffnen sich die Tore zur großen weiten Welt: Insta-Follower werden immer internationaler. Über 50 Millionen Streams führen dazu, dass die Band erste Preise abräumt, darunter den „Preis für Popkultur als Hoffnungsvollster Newcomer“. Dass sich 2019 „Tom’s Diner“ als Collaboration mit AnnenMayKantereit nur für sechs Wochen im unteren Viertel der Top 100 erscheint, darf trotzdem als Erfolg verbucht werden.

Debütalbum „Rookery“

Vor allem aber ebnet der Song sowie das unermüdliche Touren den Erfolg für das Debütalbum „Rookery“, das die Giant Rooks 2020 veröffentlichen. Seitdem touren die Hammer Giganten, so auch jetzt: diverse Stationen in Kanada und den USA, Budapest, Leeds und Maastricht waren gerade dran. Noch in diesem November stehen die Giant Rooks im Molloch von Mexico City auf der Bühne. Wenn man so will sind die fünf also tatsächlich schon in der internationalen Musikszene ein fester Bestandteil Deutschlands. Einer, der immer wichtiger wird. Und der – aber das wissen Sie ja nun – seine Ursprünge im nordrhein-westfälischen Hamm hat. Also bei etwa 51 Grad, 41 Minuten nördliche Breite, 47, 9 Minuten Grad östliche Länge. Um diesen Punkt der Welt dreht sich der Musikkosmos – zumindest schon einmal ein kleines bisschen. Hunderte Millionen Streams kommen schließlich nicht von ungefähr.

Von Hamm in die große, weite Welt…

Während ihrer Welttour präsentierten Giant Rooks auch Songs, die noch nicht als physikalische Tonträger vorliegen (aber bald!). Einer davon ist „Somebody Like You“ – ein Indie-Pop-Stück mit eingängiger Hook, die, so Pressetext, mehr oder weniger „in den Himmel abhebt“. Und weil der Song darüber hinaus noch ein paar himmlische Glocken enthält, geht eine anerkennende Kommentierung auf Insta völlig in Ordnung: „Holy shit this is good“. Ja, ist es wirklich. Auch weil sich Frederik, mit einer sonoren Gesangsstimme gesegnet, sich traut, ein Stück höher zu singen. Spannend ist der Kontrast zwischen stabilem Indie-Pop-Banger und der Verletzlichkeit, um die es im Song geht.

Somebody Like You

Textprobe:

„Er ist gerade 19 geworden, sie ist 22.
Jetzt wurde er heute Nachmittag entlassen.
Sie arbeitet Teilzeit in einem Second-Hand-Laden
Sie stapelt Träume wie Bücher auf ihrem Schlafzimmerboden.
Sie verbrennen den Abend, rauchen den Drachen.
Denn im Vergessen fühlt es sich an wie im Himmel.“

Alltagsprobleme vs Träume

Zwei Menschen, die mit unterschiedlichen Herausforderungen des Lebens klarkommen müssen. Zum Job der Frau gehört es, Bücher aufeinanderzustapeln. Bücher aber dienen oftmals als Ausgangspunkt für Phantasiereisen. Wenn im Song als „Träume wie Bücher auf dem Schlafzimmerboden gestapelt“ werden, ist dies ein metaphorischer Ausdruck dafür, dass die beiden Protagonisten ihre Träume voreinander ausbreiten. Sich also voreinander öffnen, Einblick in ihr Innerstes, darunter auch ihre geheimen Wünsche, Träume und Hoffnungen gewähren. In ihrer augenblicklichen Situation scheint es für sie nur einen Ausweg zu geben: eine gemeinsame Flucht aus der Welt durch Drogen. Im Song „rauchen sie gemeinsam den Drachen“, sprich: inhalieren den Dampf erhitzten Heroins von Folienblättern.

Persönliches Schicksal

In der zweiten Strophe wird es mysteriöser:

„Sie baute ihr Königreich auf ein Geheimnis.
Die Mauern stürzen ein und die Mutter weint.
Es muss einen Weg geben, unsichtbar zu werden.
Der Vater ist auf den Knien und betet um Wunder,
während sie runter nach Georgia fährt
mit dem Sonnenuntergang, der ihre Schultern küsst.“

Schutzmechanismen versagen

Das Geheimnis der jungen Frau wird nicht näher erläutert – hier ist die Phantasie von Hörerin und Hörer gefragt. Gut möglich, dass es sich um eine schwere Erkrankung, möglicherweise Missbrauch oder sonstige familiäre Beziehungsprobleme handelt. Die Betroffene macht die Erfahrung, dass alle ihr bisher bekannten Schutzmechanismen versagen, die Schutzmauern in sich zusammenfallen. Hilflos auch die Mutter, die nur noch weinen kann; und auch der Vater sieht keine Möglichkeit zu einer aktiven Problembewältigung. Ihm bleibt nur noch das Beten. Und der Betroffenen bleibt, ähnlich wie in der ersten Strophe, nichts als die Flucht, in diesem Fall sehr konkret nach Georgia. Warum auch immer kann dies der Ort für einen neuen Anfang sein.

Mehrere Geschichten, dasselbe Lebensgefühl

Die Verwirrung löst sich, wenn man erkennt, dass „Somebody Like You“ keine durchgängige Geschichte erzählt. Die handelnden Personen der ersten und der zweiten Strophe sind nicht identisch. Aber sie eint dasselbe Lebensgefühl: Die Sehnsucht nach einem Menschen, der die eigenen emotionalen Bedürfnisse befriedigt. Das wird im Refrain des Songs überdeutlich:

„Gott weiß, es ist wahr,
ich habe auf jemanden wie dich gewartet.
Als ich verängstigt, ausgelaugt und einsam war,
brauchte ich jemanden, der mich hält.
Ich ließ meinen Schutz für einen Moment fallen!
Wohin du auch gehst, ich werde auch gehen.“

Suche nach dem passenden Partner

Das Thema von „Somebody Like You“ ist also das Finden einer Person. Eines Menschen, dem man sich anvertrauen kann, mit dem man die Anforderung des Lebens teilen kann. Jemand, der versteht und akzeptiert. Und im besten Fall dazu beiträgt, das sich Probleme bewältigen lassen.
Oder wie die Giant Rooks formulieren: Bei ihren Songs gehe es darum, sich selbst zu reflektieren und das eigene Wirken sowie den eigenen Platz in der Welt zu hinterfragen. Und, das ist wohl die Absicht, gegebenenfalls eine Kurskorrektur vorzunehmen, so dass man selbst zu einem Trostspender für andere Menschen wird.

Die Zeit steht still

Die Folge ist etwas sehr Schönes. Im Songtext heißt es:

„Ewige Stille, hier ist niemand, der uns unsere Zeit stiehlt.
Es gibt keine Berge, die wir erklimmen müssen!“

Übertragen kann dies bedeuten: Wenn man wirklich jemanden gefunden hat, auf den man sich voll und ganz verlassen kann, gibt das dem gesamten Leben Leichtigkeit. Nichts ist mehr zu schwer. Aus der Beziehung entstehen sorglose Lebensfreude und neue Kraft, letztlich, weil beide Beteiligten füreinander da sind, sich gegenseitig Trost spenden. Oder, wie es lyrisch heißen würde, füreinander geschaffen sind.

Song aus dem Herzen

Dass die Giant Rooks hier quasi aus dem eigenen Herzen geschrieben haben, unterstreicht eine kleine Passage des Pressestatements: Danach entstand „Somebody Like You“ in nur wenigen Stunden gemeinsamen Songwritings im Probenraum. Vielleicht wurde das nur möglich, weil sich auch bei den Giant Rooks fünf Menschen getroffen haben, die – noch einmal lyrisch – ein Herz und seine Seele sind. Menschen, von denen man noch eine Menge Spannendes erwarten darf.
Und falls Sie mal jemand fragt: Bei etwa 51 Grad, 41 Minuten nördliche Breite, 47, 9 Minuten Grad östliche Länge liegt der Mittelpunkt dieses kleinen Kosmos. Aber das wissen Sie natürlich längst.

Giant Rooks und „Somebody Like You“.

Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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