U2 – Christmas (Baby Please Come Home)
Phil Spector gilt als einer der einflussreichsten Produzenten der Pop- und Rockmusik. In den frühen 1960er Jahren kam er als erster auf die Idee, einfache Songs regelrecht aufzublasen: So versah er sogar Schlagzeuge mit Halleffekten, packte in jeden Song eine unglaubliche Menge an Chorgesang und Orchesterbegleitung und schuf so seine legendäre „Wall of Sound“ – ein Klangteppich, der auch dem kleinsten Song ein gewaltiges Volumen verlieh.
Phil Spector und seine Wall of Sound
Seine musikalische Karriere begann Phil Spector bei The Teddy Bears, mit denen er 1958 die Schmusenummer „To Know Him Is To Love Him“ veröffentlichte. Wer genau hinhört, erkennt Spector als Backgroundsänger. Die markante Refrainzeile soll er übrigens dem Grabstein seines Vaters entnommen haben, der zehn Jahre zuvor verstorben war.
Stichwort Tod: Auch Spector verstarb mittlerweile, genauer im Januar 2021, an den Folgen einer Corona-Infektion. Die sorgte auch dafür, dass er in ein Krankenhaus verlegt wurde, nachdem er nämlich seit 2009 sein Leben im Gefängnis verbrachte.
Revolver im Mund
Der Grund: Bereits im Jahr 2003 war die Schauspielerin Lana Clarkson durch einen Schuss mit dem Revolver in den Mund getötet worden. Der angebliche „Selbstmord aus Versehen“ wurde vier Jahre später Spector angelastet, nachdem fünf Frauen unabhängig voneinander ausgesagt hatten, Spector habe sie zum Teil Jahrzehnte zuvor mit einem Revolver bedroht. Dass sich seine Frau Ronnie, früher Mitglied der „Be My Baby“ – Ronettes, schon 1972 von dem eigenwilligen Produzenten hatte scheiden lassen, weil der ihr gegenüber wiederholt physisch und psychisch gewalttätig geworden war, spielte bei Spectors Verurteilung allenfalls eine marginale Rolle.
Zwei Hits und zehnmal Schrott
Dass Spector ansonsten ein cleverer Geschäftsmann war, ist vielfach überliefert. Angeblich produzierte er Alben nach dem Motto „zwei Hits und zehnmal Schrott“, was bei ihm bedeutete: Zwei Songs, in die man viel Arbeit steckte, und zehn weitere Songs als Füllmaterial – fertig ist die Laube. In diesem Fall die LP.
Tatsächlich gibt es von dieser „Faustregel“ zumindest eine belegbare Ausnahme: Als Spector 1963 ein Weihnachtsalbum aufnehmen wollte, setzte er sich erst einmal intensiv mit der Thematik „Weihnachten“ auseinander. Denn Spector war Jude, hatte mit dem christlichen Fest folglich nicht allzu viel am Hut. Tipps holte er sich bei seiner Frau Ronnie, die als Christin in traditionellen Weihnachtsgebräuchen beheimatet war.
Die Spector-Compilation „A Christmas Gift For You“ wurde ein großer Erfolg – nicht zuletzt durch einen Song, den Spector für Darlene Love schrieb: Christmas (Baby Please Come Home).
Darlene Love
Wer jetzt sagt: „Moment, den kenne ich doch. Aber Darlene Love sagt mir nichts mehr“, dem mögen folgende Schlagwörter weiterhelfen:
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Gremlins, Goodfellas, Bad Santa, Christmas with the Kranks und The Perks of Being a Wallflower – in diesen fünf Filmen fand „Christmas (Baby Please Come Home)“ Verwendung. Und obwohl der Song in den frühen 1960er Jahren alles andere als erfolgreich war, entwickelte er sich mit der Zeit doch zu einem Weihnachtsklassiker. Kein Wunder also, dass er auch häufig gecovert wurde. Hanson, Jon Bon Jovi, Mariah Carey, KT Tunstall, Michael Bublé, Lady A, Leona Lewis, Robbie Williams, Jennifer Hudson und Ella Henderson versuchten sich an dem Song. Mit Erfolg! Aber schon 2010 stellte das Musikmagazin „Rolling Stone“ fest: Keine Version von „Christmas (Baby Please Come Home“ könne emotional und mit der Stimmkraft mit der ursprünglichen Aufnahme von Darlene Love mithalten. Grund genug für das Magazin, den Song an die Spitze der größten Rock’n‘Roll-Weihnachtslieder aller Zeiten zu setzen.
Streiche Christmas, mache money
Kleine Anekdote am Rande: Phil Spector hatte das schon 1963 so gesehen. Weil aber der Erfolg des Weihnachtsliedes anfangs ausgeblieben war, ließ er den Song Darlene Love gleich noch einmal einsingen. Allerdings hieß der Titel nun „Johnny (Baby Please Come Home)“ und hatte mit Weihnachten nichts mehr zu tun. Den großen Kick bekam der Song durch David Letterman: Der US-Talkshow-Moderator lud 1986 Darlene Love in seine Show ein, wo sie „Christmas (Baby Come Home“) sang – und von da an jedes Jahr erneut bis zu dessen Rücktritt vom Showgeschäft im Jahr 2014. Wahnsinn. (Erst recht, dass die Fernsehshow „The View“ im Jahr eins nach Letterman dafür sorgte, dass die Tradition des vorweihnachtlichen Love-Auftritts nicht abriss…)
Sensationelles Duett mit Cher
Vielleicht würde der Rolling Stone heute anders urteilen und eine aktuelle Version des Songs favorisieren: Denn 1963 war die erst 17jährige Cherilyn Sarkisian, besser bekannt als Cher, Backgroundsängerin bei Darlene Loves Aufnahme. Von Spector im Studio technisch vervielfacht, bildet Cher den gesamten Backgroundchor des Songs. 2023, also sagenhafte 60 Jahre später, nimmt Cher den Song selbst auf – und zwar im Duett mit Darlene Love. Sensationell!
Zufall oder Absicht? Cover von U2
Fans von U2 dürfte das allerdings ziemlich kaltlassen. Denn die vielfach als „fromme Iren“ apostrophierte Band spielte „Christmas (Baby Please Come Home“ 1987 während ihrer Joshua Tree-Tour bei einem Soundcheck im schottischen Glasgow. Wie der Zufall – oder ein vorausschauender Mitarbeiter von Crew oder Plattenfirma – das so wollte, liefen die Bänder mit. Noch im selben Jahr erschien die U2-Version des Songs auf der Compilation „A Very Special Christmas“. Und weil doppelt eh besser hält, dürfen sich auch Besitzer der U2-Box „Unreleased & Rare“ darüber freuen, dass dort „Christmas (Baby Please Come Home“ enthalten ist. Dass der Song gleich ein drittes Mal erhältlich ist, nämlich auf der digitalen Box „The Complete U2“ versteht sich irgendwie von selbst.
Christmas (Baby Please Come Home
Ob Darlene Love oder U2: Im Song lassen sich all die traditionellen Vorstellungen von Weihnachten wiederfinden, die wohl Ronnie Spector ihrem Phil erzählt hat:
„Der Schnee kommt runter,
Ich schaue zu, wie er fällt.
Es sind eine Menge Leute da.
In der Stadt läuten die Kirchenglocken ein Lied:
Was für ein glücklicher Klang!)
Baby, bitte komm nach Hause
Sie singen „Deck The Halls“ (schmückt die Hallen).“
Traditionelle Weihnachten eben. Allerdings kippt die Stimmung im Song. Trotz der festlichen Stimmung schleichen sich Trauer, Hilflosigkeit und Sehnsucht ein:
Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt
„Aber es ist überhaupt nicht wie Weihnachten
Ich erinnere mich, als du hier warst
und an all den Spaß, den wir letztes Jahr hatten:
Ich sehe noch die hübschen Lichter am Baum leuchten.
Du solltest hier bei mir sein.
Wenn es einen Weg dazu gäbe,
würde ich meine Tränen zurückhalten.
Aber es ist der Weihnachtstag.
Baby, bitte komm nach Hause.“
Trotz verschiedener traditioneller Bilder lässt der Song den eigentlichen Sinn von Weihnachten aus: Kein Wort von Stall, Krippe und Weihnachtsengeln. Kein Wort darüber, dass sich nach christlicher Vorstellung Gott mit den Menschen auf dieselbe Stufe stellt und eine Partnerschaft auf Augenhöhe eingehen will. Das ist auch gar nicht nötig. Denn trotzdem signalisiert der Song: Weihnachten ist erst dann so richtig Weihnachten, wenn man die Zeit mit geliebten Menschen verbringen kann.
Kein Fest der Liebe ohne Liebe
Warum der Besungene im Song nicht nach Hause kommt, bleibt offen. Eine von vielen möglichen Interpretationen: Der Partner ist gegangen, hat sich aus der Beziehung verabschiedet. Dieser Verlust schmerzt besonders in emotionalen Momenten wie Weihnachten. Zumal Weihnachten als Fest der Liebe, als Fest der Familie gilt. Trotz allen Schmerzes bleibt die vage Hoffnung: Dass der Partner seine Verirrung erkennt und zurückkehrt. Mit der segensbringenden Kraft von Weihnachten würde alles wieder gut.
Passend zur „Joshua Tree-Tour“
Das U2-Album „The Joshua Tree“ enthält viele Symbole und biblische Bezüge. In ihm gibt es viele Passagen, die einer Meditation über Verlust und Erlösung gleichen. Explizit bringt Bono seine Glaubenskämpfe und Zweifel auf diesem Album in „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ zum Ausdruck. Dass die Band während ihrer „Joshua Tree-Tour“ „Christmas (Baby Please Come Home)“ spielte, scheint da nur konsequent. Er bietet jede Menge Anlass darüber nachzudenken, wo man in seinem eigenen Leben möglicherweise falsch abgebogen ist. Und warum es sich lohnt, dahin zu gehen, wo geliebte Menschen sind. Dahin, wo man seine Wurzeln hat und tatsächlich zu Hause ist.
U2 und „Christmas (Baby Please Come Home)“
Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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