Harley, Steve & Cockney Rebel – Make Me Smile (Come Up And See Me)
Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln: Im Mai 1974 beginnt die Plattenfirma EMI damit, das halbfertige Cockney Rebel-Album „The Psychomodo“ mit der Vorabsingle „Psychomodo“ zu promoten. Aber nur kurze Zeit später zieht EMI die Single wieder zurück. Denn die vorherige Single der Gruppe, „Judy Teen“, steigt überraschend immer höher in den Charts. Und Konkurrenz von der eigenen Band will EMI unbedingt vermeiden. So schafft es „Judy Teen“ bis auf Platz fünf der britischen Charts. Und kurze Zeit später markiert „The Psychomodo“ dann doch einen ersten Höhepunkt in der Geschichte der Band.
Auflösung und Neustart
Und leider auch gravierende Streitigkeiten. Ursprünglich hatte Steve Harley die Gruppe als Vehikel für seine Texte gegründet. Jetzt begehren seine Musiker auf: Sie wollen ebenfalls Songs schreiben, die unter dem Bandnamen erscheinen sollen. Eine Art Gordischer Knoten, der nur auf eine Weise zu lösen ist: Steve Harley löst Cockney Rebel auf, macht danach als „Steve Harley & Cockney Rebel“ mit neuen Musikern weiter.
Selbstmitleid
Die Auflösung der Band macht Steve Harley schwer zu schaffen; er versinkt geradezu in Selbstmitleid. Und wie Musiker das häufig tun, schreibt Steve einen Song über seine Gefühle – die ersten Zeilen davon morgens um vier nach einer Flasche Brandy. Die Melodie hatte Steve Harley schon vor Jahren komponiert. Die ehemaligen Bandmitglieder lieferten die Munition für den neuen Text, erinnert sich der Mann mit der durchgequirlten Stimme später.
Make Me Smile (Come Up And See Me)
„Ihr habt alles getan, ihr habt jeden Kodex gebrochen
und den Rebellen zu Boden geworfen.
Ihr habt das Spiel verdorben, egal, was ihr sagt.
Und das für ein bisschen Metall! Was für Langweiler!
Blaue Augen, wie kommt es, dass ihr so viele Lügen erzählt?“
Er schreibe „sophisticated Songs“, also Songs mit anspruchsvollen Texten, erklärt Steve Harley Jahre später im Interview. Manchmal auch zu anspruchsvoll, so dass der unbeteiligte Hörer nicht immer versteht, was gemeint ist.
Verrat wie durch Judas
In diesem Fall aber ist es klar: “Der Rebell liegt am Boden” meint die Auflösung von Cockney Rebel. Mit „Langweiler“ teilt Steve Harley einen Seitenhieb gegen die Band Be-Bop Deluxe aus, die zeitweilig mit Cockney Rebel getourt war und der sich nach dem Band-Split zwei seiner Ex-Musiker anschlossen. Vielschichtiger hingegen ist die Formulierung „das bisschen Metall“: Die Nennung als Songwriter bedeutet in der Regel höhere Einnahmen für die Musiker. Steve Harley aber meint mehr: „Sie hatten mich im Stich gelassen. Das war wie bei Judas und den 30 Silberlingen“, erklärt er Jahre später dem Mojo-Magazin: etwas wegen des Geldes tun, was gegen gemeinsam getroffene Vereinbarungen verstößt, gegen die Freundschaft und gegen gegenseitiges Vertrauen, zumindest aus Steves Sicht.
Hemingway, Dostojewski und die Bibel
Die Anspielung auf den biblischen Judas und dessen Verrat an Jesus kommt nicht von ungefähr: Denn mit biblischen Themen kennt sich Steve Harley bestens aus. Als Kind erkrankt er an Kinderlähmung, verbringt eine schier endlose Zeit im Krankenhaus. Um die Langeweile zu überbrücken, liest er viel: Hemingway, Dostojewski und viele andere Autoren, aber auch die Bibel. Und so kann er voller Inbrunst singen:
„Ich weiß, was Glaube ist und was er wert ist!“
Die Enttäuschung darüber, dass ihm seine Mitmusiker die Führung der Band streitig machen wollten, ist bei Steve riesengroß. Und so singt er:
Den Glauben genommen
„Es gibt nichts mehr!
Ihr habt mir alles genommen
bis hin zu meinem Glauben an Mutter Erde.
Könnt ihr das ignorieren? Meinen Glauben an alles?“
Am Ende wird alles gut
Selbst so etwas wie Urvertrauen, im Song der Glaube an die Mutter Erde, ist zerstört. Und wieder steht Steve Harley in biblischer Tradition: Aus der Auferstehung Jesu entsteht für Christen die Hoffnung, dass der Tod eben nicht das Ende ist, sondern dass es nach dem Tod ein neues Leben in der Nähe Gottes gibt. Auch Steve Harley bleibt nicht in seiner Bitterkeit und Resignation stehen. Stattdessen ist er davon überzeugt, dass am Ende alles gut wird. Für ihn heißt das: Wenn er an der alleinigen Führung der Band festhält, mag das arrogant aussehen. Aber später wird sich herausstellen, dass dies eine vielleicht schmerzhafte, aber richtige Entscheidung war. Eine Entscheidung, die sogar seine ehemaligen Bandkollegen nachvollziehen können, weshalb Steve hofft, dass sie versuchen, die zerbrochene Beziehung wieder zu reparieren. Sie hätten die Möglichkeit, sein Lebensglück wieder herzustellen:
„Vor dir selbst musst du dich verstecken!
Komm zu mir, bring mich wieder zum Lächeln.“
Auch wenn Steve Harley nicht daran glaubt, wäre er bereit, die Ex-Kollegen mit offenen Armen zu empfangen und ihnen die massive Enttäuschung zu vergeben.
Jim Cregan und Alan Parsons
Die ganze Angelegenheit sei ihm ziemlich nahe gegangen und er sei damals in unglaublicher Not gewesen, sagt der Musiker im Interview. Um die bandinternen Vorgänge verstehen und verarbeiten zu können, habe er sie erst einmal zur Sprache bringen müssen. Dementsprechend hört sich die erste Fassung von „Make Me Smile“, die Steve seinen Kollegen im Studio vorträgt, auch an: ein Blues, der seinem Namen alle Ehre macht, der traurig und düster ist. Für Produzent Alan Parsons zudem ziemlich langweilig.
Als erstes fordert Parsons Harley auf, das Tempo deutlich zu erhöhen. Vom ihm stammt auch die Idee, in den Song mehrere Starts und Stopps zu integrieren. Als dann noch Gitarrist Jim Cregan das ursprünglich geplante Saxophon-Solo zum legendären Gitarren-Solo des Songs umbaut, hat der beinahe seine endgültige Fassung erhalten.
Aus Blues wird Rock
Harley verändert den Text des Refrains, Parsons fügt im Mittelteil ein akustisches Gitarrensolo im Flamenco-Stil ein, das die Band als Warm-Up vor dem Soundcheck eingespielt hatte – fertig! Aus dem düsteren Blues ist ein optimistisches, trotz des traurigen Hintergrundes fast schon fröhlich-beschwingtes „Make Me Smile (Come Up And See Me)“ geworden. Ein Song, der nur wenige Wochen später an Platz eins der britischen Single-Charts steht, im Laufe der Jahre rund 120 Mal gecovert wird, sich über eine Million Mal verkauft, in Werbespots und in Filmsoundtracks („The Full Monty“ und „Velvet Goldmine“) verwendet und über Jahrzehnte zum Burner bei den Live-Konzerten von Steve Harley & Cockney Rebel wird.
Krebs
Übrigens: Trotz der bissigen Kritik am Verhalten seiner Ex-Kollegen bleibt Steve Harley mit seinem Ex-Bassisten Paul Jeffreys und dessen Ehefrau eng befreundet – bis das Ehepaar 1988 bei einem Bombenanschlag während ihres Flugs über dem schottischen Ort Lockerbie ums Leben kommen.
Am 17. März 2024 erliegt Steve Harley seinem Kampf gegen den Krebs. Bleibt zu hoffen, dass der Tod tatsächlich nicht das letzte Wort hat. Und dass vielleicht irgendwann trotz dieses Verlustes das Lächeln wieder zurückkommt.
Steve Harley & Cockney Rebel – Make Me Smile (Come Up And See Me)
Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes. STEVE HARLEY AUDIOFILES
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