Blondie – Hanging On The Telephone
Als im Dezember 1976 das erste und gleichnamige Album der New Yorker Band „Blondie“ erschien, bekam dieses sehr unterschiedliche Kritiken: Einerseits erinnere es an den Girlgroup-Sound der 1950er und 1960er Jahre, andererseits sei es einfach peppiger, aber rauer Pop. Gleich zwei Einschätzungen, die für die Band schockierend waren.
“Wir spielen doch New Wave!“
Denn die wollte weder „retro“ klingen, noch Popmusik spielen. Stattdessen bestand Blondie-Frontfrau Debbie Harry darauf, dass Blondie nichts anderes als New Wave spiele. Nicht das einzige Missverständnis bei Blondie. Denn die schlechten Verkaufszahlen des Albums führten dazu, dass die Band den Vertrag mit ihrer Plattenfirma Private Stock in – heute würde man wohl sagen: – gegenseitigem Einvernehmen kündigte. Als ein gutes Dreivierteljahr später Chrysalis Records dasselbe Album erneut veröffentlichten, reichte es immerhin zu einem Achtungserfolg in Australien. Und selbst wenn vorerst die Chartplatzierungen im UK ausblieben, erlangten Blondie dort doch eine ungeheure Popularität.
Erfolg mit Cover und Disco
All diese Startschwierigkeiten waren ein weiteres Jahr später vergessen. Denn da knallten Blondie mit der Coverversion des 1960er-Jahre Songs „Denis“ auf Platz zwei der UK-Single Charts. Als im September 1978 mit „Parallel Lines“ das dritte Album der Band erschien, reichte es endlich auch für Platz eins, und zwar in den britischen Albumcharts. Sechs Singles koppelte die Band aus dem Album aus – einer davon, „Heart Of Glass“, ist wohl für immer mit dem Namen Blondie verbunden. Und das, obwohl dieser Song ein typischer Discosong im Stil von Donna Summer ist als das, was Blondie eigentlich spielen wollten, nämlich New Wave.
Einen gehörigen Anteil daran hatte der neue Produzent der Band: Denn erstmals produzierte der Australier Mike Chapman ein Blondie-Album. Also derselbe Mann, der mit The Sweet Titel wie „Funny Funny“ und „CoCo“ in die Charts gebracht hatte, der mit Suzi Quatro, Racey, Smokie und vielen anderen Glamrock-Künstlern mega-erfolgreich war.
Rau und ruppig: Hanging On The Telephone
Allerdings: Auch auf „Parallel Lines“ geht es rau und ruppig zu. Und das schon beim Album-Opener „Hanging On The Telephone“. Aus heutiger Sicht allerdings ist der Song vermutlich erklärungsbedürftig. Denn in ihm heißt es:
„Ich bin in der Telefonzelle.
Es ist die auf der anderen Seite des Flurs.
Wenn du nicht antwortest,
werde ich einfach von der Wand aus anklingeln.
Ich weiß, dass er da ist. Aber ich musste einfach anrufen.
Lass mich nicht am Telefon hängen!“
Dass man sich zu einer Telefonzelle begeben und dort warten muss, dass jemand den Anruf entgegennimmt, scheint wie aus einer anderen Welt zu sein. Heute, im Zeitalter des Mobiltelefons, wäre alles viel einfacher: eine SMS – und fertig. Damals unvorstellbar. Allerdings mag es auch heute noch
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„Ich habe deine Mutter gehört. Jetzt geht sie zur Tür hinaus.
Ist sie zur Arbeit gegangen oder nur zum Einkaufen?
All diese Dinge, die sie gesagt hat –
ich habe dir gesagt, du sollst sie ignorieren!
Oh, warum können wir nicht wieder reden?“
Die Mutter als Beziehungskiller
Die Mutter torpediert die Beziehung – genau das unterstreicht eine weitere Passage des Songs, wenn es heißt:
„Es tut gut, deine Stimme zu hören. Du weißt, es ist so lange her
Wenn ich dich nicht ans Telefon bekomme, dann läuft alles schief.
Ich möchte dir etwas sagen, was du die ganze Zeit gewusst hast.
Ich musste dieses Gespräch unterbrechen und beenden.
Deine Stimme über die Leitung gibt mir ein seltsames Gefühl.
Ich würde gerne reden, wenn ich dir meine Zuneigung zeigen kann.“
Eine merkwürdige Situation: eine Mutter, die die Beziehung ihres Sohnes verhindert; ein Sohn, der seine Freundin immer dann anruft, sobald seine Mutter die Wohnung verlassen hat; und eine Freundin, die sich zwar sehnlichst wünscht, mit ihrem Freund zu sprechen, aber die das Telefonat abrupt unterbricht:
Beziehung am Telefon reicht nicht!
Sie will mehr als eine Beziehung, die sich im Versteckspiel vor der Mutter abspielt und in der man nur über das Telefon miteinander reden kann. Und, wie bereits am Anfang angemerkt, dieses Telefon ist eine öffentliche Telefonbox auf der anderen Seite des Flurs. Eine Atmosphäre, in der man geschützt und vertraut miteinander reden kann, sieht ganz sicher anders aus.
Das klare Fazit: Die persönliche Begegnung ist in einer Beziehung durch nichts zu ersetzen. Auch nicht durch ein Telefon. Das kann zwar in der einen oder anderen Situation eine Hilfe zur Überbrückung sein – aber auch nicht mehr. Dasselbe gilt übrigens auch für das Beenden einer Beziehung: Schlussmachen am Telefon oder, damals noch nicht möglich, per SMS – ein absolutes NoGo.
Einbruch in die Männerdomäne Rock
Aus der Rückschau wirkt „Hanging On The Telephone“ irgendwie aus der Zeit gefallen und vielleicht auch etwas platt. Doch wie so oft bei Songs spielt das historische Umfeld eine entscheidende Rolle: In den 1970er war das Rockbusiness noch mehr als heute eine Männerdomäne. Im Schlager, Chanson und Pop durften Frauen zwar Sängerinnen sein. Grundsätzlich aber hatten sie sich als leicht unterwürfig zu generieren, als „Unschuld vom Lande“, als züchtig und brav. Im Rock traten Frauen in der Regel allenfalls als Backgroundsängerinnen in Erscheinung.
Blaupause für Rockmusikerinnen
Blondie spielen Ende der 1970er Jahre gegen dieses Klischee der Musikbranche an. Denn Debbie Harry bricht mit den etablierten Vorstellungen: Sie gibt die Frontfrau, die alle Zügel in den Händen hält, die ihre Band – allesamt Männer – nach ihrem Belieben dirigiert. Der größte Beitrag von Debbie Harry und Blondie ist es wohl, das Regelbuch für das geforderte Verhalten von Sängerinnen zu vernichten, ihren eigenen Weg zu gehen… und damit zu einer Blaupause für weibliche Rockmusiker zu werden. Bekanntermaßen ändert nichts so schnell die Weltsicht der Musikszene wie ein die Einnahmen aus einem Monsterhit…
Geschlechterwechsel bei gleichem Inhalt
Zwischen dem Song und dem Alter der Sängerin allerdings scheint eine gewaltige Kluft zu liegen: Denn angesichts der Tatsache, dass Debbie Harry bei Erscheinen von „Hanging On The Telephone“ bereits 33 Jahre alt ist, erscheint die Thematik dann noch platter als ohnehin schon. Das Gegenteil jedoch ist der Fall. Denn Blondies Song ist die Coverversion eines wenig erfolgreichen Titels von Jack Lee und seiner kurzlebigen Band „The Nerves“. Debbie Harry singt also nun unverändert einen Text, den ursprünglich ein Mann gesungen hat – wiederum ein Angriff auf die damals festgezurrten Rollenklischees des Rockbusiness.
Rettung vor finanziellem Ruin
Songautor Jack Lee erzählt übrigens später in einem Interview: Blondies Bitte, „Hanging On The Telephone“ covern zu dürfen, habe schlagartig sein Leben verändert. Denn damals habe er vor dem finanziellen Ruin gestanden: Noch am selben Abend sollten ihm ursprünglich Strom und Telefon abgeklemmt werden. Was aufgrund der nun fälligen Tantiemen eben nicht passierte.
Mehr kann man mit einem Song von zwei Minuten und 17 Sekunden wohl kaum erreichen. Blondie und „Hanging On The Telephone“.
Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
Kommentare
1 Kommentar
Danke für die unermüdliche Arbeit, die ihr leistet.
Liebe Grüße Alisa
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