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Strummer, Joe – Mellor, John Graham

Geburtsnamen passen oft nicht zum Showgeschäft. Wer verbirgt sich hinter welchem Pseudonym? Jeden Dienstag neu. Heute: Strummer, Joe – Mellor, John Graham.

Den Frontmann, Sänger und Gitarristen der britischen Punk-Formation „The Clash“ kennen wir als Joe Strummer. In der Geburtsurkunde des 1952 Geborenen steht aber der Eintrag „John Graham Mellor“. Sein Geburtsort ist nicht irgendwo in England, sondern

Ankara in der Türkei. Strummer trat nicht nur als Musiker in Erscheinung, sondern auch als Texter, Komponist, Schauspieler und Radiomoderator. Er stirbt am 22. Dezember 2002 an einem bis dahin nicht entdeckten angeborenen Herzfehler und wird eingeäschert.

Prägend für Joes Leben ist unter anderem seine internationale Abstammungslinie: Seine Mutter Anna stammt aus der schottischen Stadt Drochaid a‘ Bhanna (Bonar Bridge), sein Vater Ronald Ralph wurde in Lucknow im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh (, in dessen Stadt Agra das weltberühmte Taj Mahal steht,) geboren. Dort arbeitete er als britischer Eisenbahnbeamter, wurde später Büroangestellter und arbeitete danach im Diplomatischen Dienst. Zu Joes Vorfahren gehören eine deutsche Urgroßmutter jüdischen Glaubens und ein armenischer Urgroßvater.

Aufgrund des Berufs des Vaters arbeiten die Eltern Strummer an wechselnden Stationen im Ausland, so dass Joe und sein Bruder David mit neun bzw. zehn Jahren in England bleiben und in einem privaten Internat leben, der Freemen’s School im Londoner Stadtteil Surrey. Auch wenn sich die Schule selbst nicht als elitär versteht, herrscht an ihr doch eine Schülerschaft vor, die entweder aus reichen Familien stammt oder deren Ausbildung, wie im Fall der Diplomatenkinder Mellor, vom Staat bezahlt wird. In der Regel sehen die beiden Brüder ihre Eltern einmal pro Jahr, was zu einer Entfremdung von den Eltern führt. Bei Joe wird diese in späteren Interviews deutlich, wenn auch oft zwischen den Zeilen. Bei seinem Bruder David ist die Entfremdung von der Familie offensichtlicher: Er schließt sich rechtsradikalen sowie okkulten Gruppierungen an und nimmt sich 1970 das Leben. Die Leiche wird erst nach drei Tagen gefunden. Joe, gerade 18 Jahre alt, muss den Bruder identifizieren, was ihn nachhaltig trifft und belastet.
Der anstehende Schulwechsel führt Joe noch 1970 an die Central School für bildende und angewandte Kunst in London. Joe, der bis dahin für die Musik von Little Richard, den Beach Boys und Woody Guthrie schwärmte, belegt einen Ein-Jahres-Kurs für Karikaturisten, kauft sich zwischenzeitlich eine gebrauchte Ukulele und lernt darauf Chuck Berrys „Johnny B. Goode“ zu spielen – Joes erste aktive Begegnung mit der Musik. 1971 wird er Vegetarier. Die Ausbildung an der Kunstschule bricht er ab.
Nach einem weiteren Umzug (1973) nach Newport in Südwales wird Joe Sänger und Rhythmusgitarrist der „Flaming Youth“, die er in „Vultures“ umbenennt. 1974 löst sich die Band auf, Joe geht zurück nach London, sammelt Erfahrungen als Straßenmusiker und gründet dann mit Mitbewohnern seiner WG die Band „101ers“, die nach der Hausnummer ihrer Wohnung in der Walterton Road im Westen Londons benannt ist. In dieser Zeit ist Joe mit der spanisch-stämmigen Schlagzeugerin Palorma Romero (später Paloma McLardy), genannt Palmolive, liiert und schreibt erste Songtexte und Melodien. Sein „Keys to Your Heart“ wird die erste Single von Palmolives Band Slits. Joe, der sich in Anlehnung an den von ihm verehrten Woody Guthrie in dieser Phase Woody Mellor nennt, gibt sich 1975 einen neuen Namen: John verändert er zu Joe und fügt diesem Vornamen, wohl als Hinweis auf seine Rolle als „schrammelnder Rhythmusgitarrist“, das wie einen Nachnamen wirkende „Strummer“ hinzu.

Im April 1976 spielen die 101ers ein Konzert in London. Ihre Vorgruppe sind die damals noch unbekannten

Sex Pistols. Einige Zeit nach diesem Konzert spricht Sex Pistols-Manager Bernie Rhodes Joe an und bringt ihn mit Gitarrist Mick Jones, Bassisten Paul Simonon und Schlagzeuger Terry Chimes zu „The Clash“ zusammen. Kurzzeitig gehört auch Gitarrist Keith Levene zur Formation, verlässt diese aber schnell wieder. Auch Terry Chimes bleibt nur kurz, kehrt aber mehrfach wieder zur Band zurück. Schlagzeuger werden Rob Harper (1976/77), Nicky „Topper“ Headon (1977-1982) und Pete Howard (ab 1983). Innerhalb kürzester Zeit zählen „The Clash“ neben den Sex Pistols und den Ramones zu den wegweisenden frühen Punkbands.

Strummer kommt mit dem Gesetz in Konflikt, als er sich zusammen mit Nicky „Topper“ Headon als Sprayer betätigt und den Namenszug „The Clash“ an eine Hotelwand sprüht. In Hamburg attackiert er einen aggressiven Konzertbesucher mit seiner Gitarre und wird verhaftet. Möglicherweise sind seine Kindheit, der schnelle Ruhm oder die bloße Punkrock-Attitüde für die reflexhaft angewendete Gewalt die Ursache. Strummer selbst ist darüber zutiefst erschrocken und schwört der Gewalt ab.

Im Mai 1982 erscheint das fünfte Clash-Album, „Combat Rock“. Die zweite daraus ausgekoppelte Single „Rock The Casbah“ ist erfolgreich. In dieser Phase verlangt Bernie Rhodes von Strummer, dass der abtauchen soll. Insgeheim soll sich Strummer zu seinem Freund Joe Ely nach Texas begeben, offiziell wolle man dies als mysteriöses Verschwinden des Clash-Frontmanns ausgeben. Die entsprechenden Schlagzeilen sollen den äußerst schwach anlaufenden Ticketverkauf für eine Schottland-Tour der Band ankurbeln. Strummer ist mit dieser Anweisung unzufrieden, fügt sich scheinbar, geht aber stattdessen, ohne seine Bandkollegen oder das Management zu informieren, nach Frankreich. Nun ist er tatsächlich „verschwunden“. Dieses Vorgehen bezeichnet der Musiker später als schweren Fehler, zumal es ohnehin in der Band bereits kriselt und Streitigkeiten an der Tagesordnung sind.
Weil Nicky „Topper“ Headon immer mehr seiner Heroinsucht verfällt, muss er die Band verlassen. Im September 1983 feuert Strummer auch Mick Jones. Mit Strummer, Simonon, dem kurzzeitig zurückgekehrten Terry Chimes und zwei neuen Gitarristen veröffentlichen „The Clash“ 1985 das Album „Cut The Crap“, das von der Kritik zerrissen wird. Als Folge löst Joe Strummer „The Clash“ auf und verfolgt seine Solokarriere. Mitte der 1990er Jahre gründet er als seine Begleitband „The Mescaleros“, mit denen er insgesamt fünf Alben, darunter ein Live-Album einspielt.

Die meisten Clash-Songs sind sehr sozialkritisch. Sie thematisieren die durch die politische gewollte De-Industrialisierung und Fabrikschließungen ansteigende Arbeitslosigkeit mit wachsenden sozialen Problemen, darunter die soziale Kälte, Probleme besonders unterer sozialer Schichten, die aufflammende Drogenszene, Rassismus, Polizeigewalt sowie politische Unterdrückung. Strummer, der zwischenzeitlich selbst Hausbesitzer ist, wird zum Kämpfer für soziale Gerechtigkeit und bezeichnet sich selbst als überzeugten Sozialisten.
Vor allem in „London Calling“ steht trotz aller Probleme die Hoffnung im Vordergrund, dass sich die Gesellschaft zum Besseren entwickeln wird, nicht zuletzt durch die Musik.

Neben der Musik engagiert sich Strummer für Kampagnen gegen rechtes Gedankengut und gegen Rassismus. Im Kampf gegen die Klimaerwärmung ist Strummer maßgeblich an der Gründung von „Future Forests“ beteiligt und pflanzt in verschiedenen Teilen der Welt Bäume, um die Produktion und den Vertrieb seiner Musik klimaneutral zu gestalten – und das zu einer Zeit, als dieses Wort noch nicht einmal erfunden war.
Zur Unterstützung der Anti-Aids-Kampagne in Südafrika schreiben Joe Strummer und U2’s Bono eine Hymne auf den 25 Jahre lang inhaftierten südafrikanischen Freiheitskämpfer Nelson Mandela, die sie „46664“ nennen: Offiziell war Mandela der 466. Gefangene im Jahr 1964.
1999 wird der Musiker für „Joe Strummer’s London Calling“ eine Zeit lang zum Radiomoderator für den BBC World Service.

1987/88 springt er als Tourneeersatz für den erkrankten Pogues-Gitarristen Philip Chevron ein, 1989 spielt er in „Mystery Train“, einem Film von Jim Jarmusch, überragend in der Rolle des gerade verlassenen arbeitslosen Räubers Johnny.

Legendär das Mescaleros-Album „Streetcore“, das erst 2003 und damit nach dem Tod Strummers veröffentlicht wird. Es enthält mit „Ramshackle Day Parade“ einen Song über die Terroranschläge vom 11. September 2001, mit „Long Shadow“ eine Hommage an Johnny Cash, die für dessen spärlich instrumentierte Aufnahmen unter der Regie von Rick Rubin gedacht war, sowie eine Coverversion des „Redemption Song“ von Bob Marley. Von diesem Titel spielt Strummer auch ein Duett mit Johnny Cash ein, dass 2003 auf Cashs Box-Set „Unearthed“ und auf Strummers posthum-Veröffentlichung „001“erscheint.

Bezüglich seines Privatlebens macht Strummer 1975 durch eine bezahlte Eheschließung mit der Südafrikanerin Pamela Moolman von sich reden, die durch die Heirat die britische Staatsbürgerschaft erhält. 1978 geht Strummer eine Beziehung mit Gaby Salter ein, mit der er 14 Jahre zusammenbleibt und zwei Töchter hat. Heiraten kann er Salter nicht: Weil Moolman unauffindbar bleibt, kann er sich nicht von ihr scheiden lassen und daher keine neue Ehe eingehen. 1993 geht er eine Beziehung mit Lucinda Tait ein, kann sich nun doch von Moolman scheiden lassen und heiratet Tait im Jahr 1995. Nach Strummers Tod erbt diese sein Vermögen. Außerdem findet sie „beim Aufräumen“ ein von Joe Strummer privat geführtes Archiv mit etwa 20.000 Stücken, darunter viele Songs und Songfragmente.

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