Weltmissionssonntag – was ist das denn? (23. Oktober)
Genaugenommen ist es jedes Jahr dasselbe. Und auch in diesem Jahr ist es so: Mit dem Beginn der heutigen Vorabendmesse begeht die katholische Kirche den Sonntag der Weltmission. Ein Tag, an dem die „weltweite Verbundenheit im Glauben“ im Mittelpunkt steht.
Missionare mit froher Botschaft
Da bei ist der Begriff „Mission“ auf den ersten Blick alles andere als ein sympathisch. Denn bei vielen ruft das Wort „Mission“ Bilder aus Abenteuerfilmen und einer oftmals auch unrühmlichen Epoche der Geschichte wach. Die alten Lateinkenntnisse müssen herhalten: Bei „mittere, mitto, misi, missum = schicken“ liegt erst einmal ein ziemlich neutrales Verb vor. Oftmals sahen das allerdings die Menschen, die mit den Missionaren, als mit den Geschickten, in Kontakt kamen, anders. Die Missionare kamen nämlich zumeist in Verbindung mit schlagkräftigen Armeen ins Land. So wollten denn die Missionare die „frohe Botschaft“ verkünden; die Armeen, offiziell zum Schutz der Missionare mitgeschickt, wollten vor allem die Kostbarkeiten der Ureinwohner. Und gibst du sie mir nicht freiwillig, dann gebrauche ich eben Gewalt!
Ausbeutung
Dass die Spanier Franzisco Pizarro – neu, das ist nicht der ehemalige Fußballer! – gewaltig feiern, weil er ebenso gewaltige Schiffsladungen voll Gold und andere Kostbarkeiten in sein Heimatland brachte, ist das Eine. Dass die von den Spaniern versklavten und ausgebeuteten Völker das anders sahen, gar nicht verstehen konnten, was denn der dreiste Diebstahl mit der schönen Botschaft von „Frieden auf Erden für alle Menschen, die guten Willens sind“, zu tun hatte, ist das Andere. Atahualpa und Co blickten ziemlich kritisch auf den Frieden, den die neuen Herren des Landes da reklamierten. So glaubten sie einfach nicht daran, dass die Grausamkeiten der Spanier ein Geschenk Gottes waren. Und auch nicht, dass das Jenseits, in das sie die Spanier kurzerhand verfrachteten, ohnehin die bessere Welt sei. Da sieht man wieder einmal, welche Folgen es hat, kleingläubig zu sein…
Fast alle europäischen Staaten
Ja, manchmal hilft nur Zynismus weiter. Und, bevor ich das vergesse: Natürlich können Sie die Spanier je nach Weltregion gerne durch Portugiesen, Briten, Franzosen, Niederländer, Belgier und andere ersetzen. Irgendwie bin ich froh, dass Deutschland nur sehr, sehr wenige Kolonien hatte. Aber was da unsere Vorfahren anrichteten, reicht. Die Hereros lassen grüßen die unvergesslichen Deutschen bis heute.
Ursprünglich positiv
Womit ich sagen will: Der Begriff der Mission ist ein durch die Historie doch eher belasteter Begriff. Dabei meint er eigentlich etwas sehr Positives: Denn überall auf der Welt soll den Menschen die „Frohe Botschaft“ des Friedens, der Nächsten- und der Gottesliebe verkündet werden, überall sollen die „Zehn Angebote Gottes für ein friedliches und glückliches Leben“ verkündet werden. Und möglichst Wirkung zeigen. Klingt doch gut.
Weltweiter Gebetstag
Vor 95 Jahren, also 1926, kam der damalige Papst Pius XI. auf die Idee, einen „Tag des Gebetes und Werbung für die Missionen“ einzuführen. Gott-sei-Dank, möchte man sagen, sind die Zeiten vorbei, in denen das vermeintliche Seelenheil wichtiger war als der lebende Mensch. Längst will man nicht mehr andere Menschen – koste es, was es wolle – zu Christen machen. Auch wenn natürlich die christliche Lehre nach wie vor im Mittelpunkt steht. Längst aber ist der sogenannte Weltmissionssonntag zur vermutlich größten Solidaritätsaktion der Welt geworden.
Seit etlichen Jahren sind die Menschen im Blick, die weltweit auf der Flucht sind. Auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, Hunger oder Menschenrechtsverletzungen. Auf der Flucht, weil sie kein Zuhause haben, keine Ausbildung und keine Perspektive für ihre Zukunft. 40 Millionen Menschen, zahlenmäßig also halb so viele Menschen, wie in unserem Land leben, sind auf der Flucht – so das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen.
Solidarität und Flüchtlinge
Beim Stichwort „Flüchtlinge“ ist unsere Gesellschaft müde geworden. Kaum jemand bei uns kann sich vorstellen, was es heißt, auf der Flucht zu sein. Einmal abgesehen davon, dass die wenigsten Deutschen Flucht und Vertreibung selbst erlebt haben, abgesehen davon, dass die meisten, die sie erlebt hatten, längst gestorben sind – Fernsehbilder von der Vertreibung Deutscher 1945, egal ob als Spielfilm oder Dokumentation, können die Angst, den Schrecken, die Verzweiflung nicht wiedergeben. Und wollen es auch gar
nicht. Wer könnte das schon ertragen?Flüchtlingen zu begegnen, ist nicht einfach. Die Angst vor dem Fremden ist groß, die Kommunikation ist schwierig. Das Teilen, einfach für sie da zu sein, ihnen ein offenes Ohr zu schenken oder Trost zu spenden, kostet Kraft und Mut. Und ist anstrengend, ermüdend. Und irgendwie haben wir doch so viel mit uns selbst zu tun…
“Neuer“ Anstoß?
Vielleicht ist es da ganz gut, dass der Weltmissionssonntag jedes Jahr einen neuen Anstoß dazu gibt, darüber nachzudenken, dass es uns hier weitaus besser geht als den meisten Menschen auf diesem Globus. Wenngleich es mit diesem „neuen Anstoß“ nicht ganz so weit her ist. Traditionell, wie die katholische Kirche nun einmal ist, sind auch die Materialien, die Jahr für Jahr von den Initiatoren für den Monat der Weltmission bereitgestellt werden: Bausteine für Gottesdienste, Infos für die Durchführung von Gebetsketten, Aktionen für Gemeinden, ein Film, Angebote für Kinder und Jugendliche – zuverlässig jedes Jahr dasselbe. Das einzige, was wechselt, ist das jährliche Schwerpunktland. Ein paar andere Namen, ein paar andere Fakten bezüglich Bevölkerungsstruktur und politischer Realität – selbst die Sorgen und Nöte sind in den ärmsten Ländern der Erde so ziemlich dieselben. Und das, was die katholische Kirche dagegen tut, logischerweise auch.
Weltweit Projekte
Bewusstmachung hat sicherlich auch etwas mit Wiederholung zu tun. Leider beinhaltet Wiederholung auch die Gefahr des Abstumpfens. So können die vielfältigen Materialien und Veranstaltungen zum Monat der Weltmission nicht darüber hinwegtäuschen, dass es natürlich immer ums Geld geht. Die Not von Menschen wird anhand eines Schwerpunktlandes herausgestellt – in diesem Jahr ist das Nigeria. Dorthin sollen die Spenden fließen. Aber natürlich nicht nur dorthin. Tatsächlich fließen Spendenerlöse in über 1000 Diözesen der Welt, um dort die soziale und pastorale Arbeit der katholischen Kirche zu unterstützen. Projekte übrigens, die in fernen Ländern dazu beitragen, dass Menschen ihre Heimat erst gar nicht verlassen müssen. Klar, gegen Bürgerkriege und politische Übergriffe sind auch diese Projekte machtlos. Aber überall dort, wo sie die Stimme und die Rechte von Frauen stärken können, wo sie die Bildung verbessern, wo sie wie selbstverständlich dazu beitragen, dass Menschen von eigener Arbeit leben können, tragen sie zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse bei. Und ganz ehrlich: Glauben Sie wirklich, dass jemand seine Heimat verlässt, wenn es ihm halbwegs gut geht?
Trotz oder gerade wegen Corona?
Seit vielen Jahren ist es üblich, dass in den Wochen vor der Feier des Weltmissionssonntags Gästen aus dem jeweiligen Schwerpunktland durch deutsche Pfarrgemeinden ziehen und dort über das Leben in ihrer Heimat berichten. So auch in diesem Jahr, so auch trotz der Schrecken, die die Corona-Pandemie hinterlassen hat. Gerade die ärmsten Länder sind von der Corona-Pandemie besonders betroffen, leiden noch mehr als sonst unter Folgen wie Hunger, Arbeitslosigkeit, Unterernährung und mehr Gewalt, besonders gegen Frauen. In Zeiten wie diesen fällt es in unserem Land noch schwerer, ein entsprechendes Publikum zu erreichen, nicht zuletzt auch, weil sich die katholische Kirche in unserem Land in der vielleicht größten Glaubwürdigkeitskrise aller Zeiten befindet.
Begegnung und Sensibilisierung
Bei den Besuchen der Menschen aus Nigeria ging es natürlich auch darum, Gelder zu generieren. Darum, für den heutigen Weltmissionssonntag die Herzen und damit die Portemonnaies der Gläubigen in unserem Land zu öffnen. Aber es ging und geht um mehr. Nach christlicher Vorstellung sind Gebete bereits ein Akt der Solidarität. Und genau um die geht es. Solidarisch sein, sensibel werden, mitbekommen, wie es anderen Menschen geht, ein Stückweit deren Leid mitzutragen, und wenn es nur ist, dass man mit ihnen in Kontakt kommt, dass es Gespräche und Begegnungen gibt. Allein das kann Mut machen, sich weiter vor Ort zu engagieren.
Längst keine Einbahnstraße mehr
Was das Stichwort „Mission“ anbelangt, hat sich längst aus einer Art Einbahnstraße eine Fahrbahn in zwei Richtungen entwickelt: Waren es früher vor allem kirchliche Prediger aus einem gläubigen Europa, die in ferne Länder gingen, kommen seit vielen Jahren immer mehr Prediger aus fremden Ländern zu uns, ersetzen die fehlenden Priester und arbeiten in einem Land, in dem der Glaube auf dem Rückzug ist. „Von uns zu denen“ – da fließt vor allem das Geld. „Von denen zu uns“ – da kommen Menschen, Spiritualität, Ideen, Mut und Hoffnung.
Niemandsland
40 Jahre Sozialismus in der ehemaligen DDR haben ausgereicht, um aus dem ehemals protestantischen Stammland eine Region zu machen, in der das Christentum keine nennenswerte Rolle mehr spielt. Praktizierende Christen sind eine verschwindend geringe Minderheit, das Wissen um den Glauben ist weitestgehend verloren gegangen. Deutschland ist längst selbst ein Land geworden, das aus katholischer Sicht einer Missionierung bedarf. Ein Wort, das viele verschrecken würde. Deshalb sprechen deutsche Kirchenfürsten seit über 30 Jahren lieber von „Neuevangelisierung“. Erst in letzter Zeit mehren sich die Stimmen, die unser Land auf dem Weg in ein religiöses Niemandsland sehen. Und wer weiß: Vielleicht ist der berühmt-berüchtigte Kipppunkt in Sachen Glauben längst erreicht oder gar überschritten.
Optimismus statt German Angst
Bei der Selbstreflexion können die Erfahrungen der Menschen in fremden Ländern hilfreich sein. Und – auch da hat sich die Blickrichtung umgekehrt – sogar Mut machen kann: Denn viele der Projekte zeigen Menschen in fernen Ländern auf einem guten Weg, mit persönlichem Engagement und Glauben einen Weg aus einer umfassenden Lebens- und Daseinskrise zu gehen. Bis das bei uns soweit ist, müssen noch viel deutsche Weinerlichkeit und eine Menge „German Angst“ vergehen. Aber vielleicht kann man eines Tages auch bei uns von einem Land sprechen, in dem die Menschen optimistisch sind. Und friedlich und hilfsbereit miteinander umgehen. Ein schöner Wunsch wäre das allemal. Und das nicht nur heute, am Sonntag der Weltmission.
Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.
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