Schriftsteller und Reporter im Knast – Tag des inhaftierten Schriftstellers (Writers in Prison Day) (15. November)
Manchmal kann ich kaum glauben, was ich alles so darf: So darf ich zum Beispiel regelmäßig im Radio sprechen, darf für ein paar Zeitungen und auf dieser Webseite schreiben. Ich darf Ihnen sagen, was ich denke, was ich meine. Sie können mir zustimmen, Sie können sich an meiner Meinung reiben, Sie können sich anregen lassen, Sie dürfen auch denken: “Was für eine Idiotin!“ Im schlimmsten Fall würde man mir „quasi von oben“ sagen: „Du hast das Thema verfehlt, dafür wirst du nicht bezahlt. Das war nicht gut, was du da geschrieben und vorgetragen hast.“ Damit muss ich dann umgehen. Aber das war es dann auch schon.
Zensur
Das, was ich als Meinungsfreiheit in „diesem, unserem Land“ genieße, gilt längst nicht überall auf der Welt. Denn anderswo werden Schriftsteller durch Repressionen mundtot gemacht, werden Verleger, Redakteure und Journalisten verfolgt, unter Druck gesetzt und bedroht. Das alles, weil sie eine eigene Meinung haben, eine Meinung, die nicht mit der der Staatsgewalt übereinstimmt. Zensur nennt man dieses Gegenstück zu unserer Meinungsfreiheit. Und wie George Bernhard Shaw einmal formulierte: Meuchelmord ist ein Extrem für Zensur.
Seit 1960 Writers-in Prison-Day
Rund 900 Schriftsteller sitzen weltweit im Knast, über 500 werden Jahr für Jahr verhaftet, bedroht und zu langen Haftstrafen verurteilt, etliche werden gefoltert, manche „verschwinden ganz einfach spurlos“ und tauchen nie wieder auf.
Um sich für genau diese Menschen einzusetzen, begründeten 1960 Mitglieder der Schriftstellerorganisation „Pen“ die Initiative Writers-in-Prison. Und genau diese Initiative erinnert jedes Jahr am 15. November mit dem „Tag des inhaftierten Schriftstellers“ an das Grundrecht der Presse- und Meinungsfreiheit. Also auch heute.
Meinungsfreiheit
Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, auch im Alltag. Die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen vertritt dies und auch unser Grundgesetz lässt keinen Zweifel: Jeder in unserem Land hat das Recht, seine Meinung zu sagen. Und zwar in Wort, Schrift und Bild. Das gilt für die Presse, das gilt für Wissenschaft und Kunst. Das gilt für jeden Einzelnen. Gut so.
Auch, wenn das nicht immer einfach ist: Denn die Freiheit des Einen darf nicht die Freiheit des Anderen einschränken! Meine Freiheit endet spätestens da, wo die Freiheit eines anderen beginnt – ein toller Satz, auch wenn er in der Praxis leider kaum zur Lösung von Problemen beiträgt.
Freiheit der Kunst: ja klar! Aber Verletzung zum Beispiel religiöser Gefühle: nein! Streitigkeiten regeln dann die Gerichte. Das Ergebnis stellt nicht immer alle Beteiligten zufrieden. Aber auch das ist der Preis der Freiheit. So weit, so gut.
Meinungsfreiheit nicht überall
In rund 100 Ländern der Erde ist das allerdings anders. Da existiert Meinungsfreiheit bestenfalls auf dem Papier. Wenn überhaupt. Jahr für Jahr veröffentlicht die Writers-in-Prison-Initiative eine aktualisierte Liste von Autoren, die Repressalien zu erleiden haben oder gleich gänzlich verschwunden sind. Klar schauen wir von hier aus schnell auf Staaten, die ohnehin als „die üblichen Verdächtigen“ gelten. Länder wie Ägypten, Albanien, Bolivien, Chile, Eritrea, Guatemala, Kongo, Mexiko, Nigeria, Syrien, Uganda oder die Vereinigten Arabischen Emirate – die Liste ließe sich mühelos ergänzen – rücken dabei schnell in den Fokus.
China
Dass China unser Demokratieverständnis nicht teilt und schnell gegen unliebsame Berichterstattung vorgeht, weiß jeder, der die Tagesberichterstattung verfolgt. Kein Wunder also, dass eine Wissenschaftlerin, die an einer Dokumentation über die Lage der Uiguren arbeitete, nun während ihrer mehrjährigen Inhaftierung darüber nachdenken kann, ob sie das noch einmal tut. Haben wir von China wirklich etwas anderes erwartet?
Russland
Oder von den Russen? Zuerst vergiftete irgendjemand den Russen Alexei Anatoljewitsch Nawalny. Weil er in Deutschland behandelt wurde, überlebte er knapp. Allerdings hätte er Russland wegen eines anderen Verfahrens gar
nicht verlassen dürfen. Da ist es nur konsequent, ihn ins Straflager zu schicken. Selbstverständlich besteht kein Zusammenhang damit, dass Nawalnys als Blogger, Aktivist und Kremlkritiker eine unbequeme Meinung vertreten hat. Ganz sicher nicht. Schließlich ist die Erde ja auch eine Scheibe!Türkei
In der Türkei sitzen 150 Journalisten hinter Gittern, die über die Kurdenpolitik des Landes, den Putschversuch 2016 und über ihre Regierung berichtet haben – die meisten warten bis heute darauf, dass ihnen zumindest einmal die Anklageschrift vorgelegt wird. Dass in den letzten fünf Jahren rund 170 Medienhäuser von der Regierung geschlossen wurden, macht deutlich, was die Türkei von Pressefreiheit und den europäischen Vorstellungen von Demokratie hält.
USA
Dass Julian Assange auf der Todesliste der CIA steht, ihn schätzungsweise 170 Jahre Knast erwarten, sobald die USA seiner habhaft werden, führte dazu, dass der Mann seit 2010 den Schutz diverser Botschaften in Anspruch nahm, mittlerweile in einem Hochsicherheitsgefängnis einsitzt. Sein Vergehen: Assange hat über die von ihm gegründete Enthüllungsplattform WikiLeaks geheime Dokumente der USA veröffentlicht. Solche, die mutmaßliche Kriegsverbrechen und Korruption von US-Amerikanern offenbaren. Wie üblich verschanzen sich die US-Offiziellen hinter der angeblichen „Bedrohung der Nationalen Sicherheit“ und weigern sich bislang, überhaupt die Anklagepunkte gegen Assange zu veröffentlichen.
Nun gut, vergiftet wurde Assange bislang nicht. Während die Russen Navalny auf unbestimmte Zeit wegsperren, droht Assange aber die Todesstrafe. Es lebe die Demokratie! Ist es wirklich so verwunderlich, dass manche Staaten da lieber auf die „Segnungen der Demokratie“ verzichten möchten?
Die vierte Gewalt
Klar ist: In vielen Ländern ist man nicht gerade zimperlich, wenn dort jemand eine Meinung hat, die gegen die Linie des Staates ist. Rund 900 Schriftsteller und Journalisten weltweit sitzen im Knast, weil sie das tun, was wir in Deutschland von der so genannten vierten Gewalt erwarten: politische Entscheidungen zu hinterfragen, Machenschaften von Politikern zu kontrollieren und Verstöße gegen unsere Gesetze anzuprangern. Viele der 900 inhaftierten Schriftsteller und Journalisten müssen um Leib und Leben fürchten, viele werden gefoltert. Jahr für Jahr überleben etwa 40 von ihnen die gegen sie vorgenommenen Repressalien nicht.
Unterdrückung in Deutschland
Seine Meinung zu äußern, gehört bei uns zu den Grundrechten. Erschreckend, dass bei uns zwar nicht der Staat, sondern eine schreiende Minderheit mehr und mehr zur Bedrohung für Berichterstattung, Pressefreiheit und Meinungsfreiheit wird. Immer häufiger gibt es Übergriffe gegen Journalisten. Immer öfter versuchen Menschen, die nichts sehen wollen als ihre eigene Wahrheit, „Schreiber“, „Filmer“ und sonstige Berichterstattung von ihrer Arbeit abzuhalten. Dass ihre Drohgebärden, oft genug auch körperliche Gewalt gegen Gesetze verstoßen, ist ihnen egal. Sie merken noch nicht einmal, dass sie sich mit denen auf dieselbe Stufe stellen, die in anderen Ländern als Staatsgewalt die freie Meinungsäußerung unterdrücken wollen.
Gefahr für den Frieden
Dabei gehört es zur Würde des Menschen, seine Fähigkeiten sich auszudrücken zu gebrauchen. Miteinander zu sprechen, auch miteinander zu ringen und unterschiedliche Positionen auszuhalten – das sind wichtige Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben. Wer dies mit Gewalt unterdrückt, zerstört nicht nur den Frieden, sondern nimmt dem Menschen etwas von dem, was ihn zum Menschen macht.
Meinung aushalten
„Tag des inhaftierten Schriftstellers“ – so heißt der heutige Gedenktag. Vielfältige Veranstaltungen sollen die Missstände bekannter machen, Petitionen sollen verfolgten und inhaftierten Autoren helfen. Sie sollen denen den Rücken stärken, die sich über die Medien gegen Unrecht erheben und den Mund aufmachen.
Und so ganz nebenbei fordert dieser Tag jeden Menschen auf, seine Meinung zu sagen. Und auszuhalten, wenn andere nicht seiner Meinung sind.
Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.
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