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Sankt Martin – was der Heilige für unsere Gesellschaft heute bedeutet (11. November)

Heute Abend ist es wieder soweit: kalter oder heißer Orangensaft, heißer Glühwein für die, die wollen und nicht fahren müssen. Denn heute ist Sankt Martin. Bei uns im Dorf ist wieder alles wie jedes Jahr an Sankt Martin: Jan, der Junge vom Aussiedlerhof, kommt wieder auf Friedlinde angeritten – ein gutmütiger Gaul, der seinem Namen alle Ehre macht. Vom Pferd herab wird Jan den Kindern zuwinken und gemütlich den Martinsumzug anführen. Die Kinder traben dann mit ihren selbst gebastelten Laternen hinter ihm her. Zwei, drei werden wieder weinen, weil die elektrische Laternenbeleuchtung nicht funktioniert.

Martinslaterne: Feuer und Flamme

Vielleicht geht auch mal wieder eine Laterne in Flammen auf. Früher war das häufiger der Fall. Mittlerweile passiert das nur noch extrem selten. Aber es passiert. Im vorletzten Jahr bemerkte eine Mutter erst kurz vor Verlassen des Hauses, dass die Batterie keinen Strom mehr abgab. Weil keine Ersatzbatterie zur Hand war und um ihren Nachwuchs nicht allzu sehr zu enttäuschen, tropfte die clevere Mutter schnell noch eine Wachskerze auf den Laternenboden. Das Ganze funktionierte keine fünf Minuten – dann brannte die Laterne lichterloh. Zum Schrecken von Kindern und Eltern, zum Gaudi der Dorfjugend.

Dorfjugend

Die sang zwar ganz brav die alten Lieder wie „Ich gehe mit meiner Laterne…“ und, na klar, obligatorisch „Sankt Martin“ mit. Dennoch freute sich unsere Dorfjugend wohl schon auf den Glühwein nach Abschluss des Umzugs. Nur wer seine Eltern in der Nähe wusste, entschied sich zähneknirschend für Orangensaft. Dazu ein paar Zimtsterne und Pfeffernüsse, außerdem frisch gebackene Waffeln. Ein paar Nebeneinnahmen für den Kindergarten – das muss sein. Wie gesagt: Jedes Jahr dasselbe.

Kurzes Soldatenröckchen

Außer letztes Jahr – da fiel wegen Corona das ganze Spektakel aus. Heute Abend, mit Abstand und Masken, wird unser Dorf seine alte Tradition wieder aufnehmen. Vor Jan und seiner Friedlinde gab schon Jans Vater auf Albatros – ein dämlicher Name für ein Pferd, oder? – den Sankt Martin. Jan hat das Kostüm von seinem Vater übernommen: Helm, Rüstung, Schwert, kurzes Soldatenröckchen. Jan zieht sich eine Leggins drunter – wer will sich schon was verkühlen? Der riesengroße rote Umhang, der ihm als Mantel dient, ist natürlich auch dabei. Der ist ja fast das Wichtigste. Zweiteilig ist dieser, wird, solange Jan auf Friedlinde gemächlich durchs Dorf reitet, von ein paar Druckknöpfen zusammengehalten.

Der Bettler

Start- und Zielpunkt des Umzugs sind der Kindergarten in der Dorfmitte. Dort stehen Glühwein- und Waffelstand, dort gibt es Zimtsterne, Pfeffernüsse, Lebkuchen und Orangensaft. Und genau dort kauert sich wie jedes Jahr kurz vor Ankunft des Umzugs irgendein Freiwilliger auf den Boden. Seit ein paar Jahren übernimmt Julian diese Rolle. Verkleidet als armer Bettler sitzt er dort. Dass er friert, wird Julian angesichts der doch mittlerweile kühlen Temperaturen noch nicht einmal vorgeben müssen. Julian friert immer!

Druckknöpfe statt Schwerthieb

Auch der Rest wird sein wie jedes Jahr: Jan alias Sankt Martin steigt vom Pferd, löst die Spange, die den Umhang an seinem Hals zusammenhält, nimmt den Umhang von der Schulter und schenkt ihn wie ein Torero durch die Luft, hält schließlich Bettler Julian den Mantel in. Dann nimmt Jan sein Schwert aus der Scheide. Und während er einen Schwerthieb andeutet, ziehen Julian und Jan an diesem riesigen Tuch. Mit einem langgezogenen „Ratsch“ reißen die Druckknopfhälften auseinander – der Mantel ist geteilt. Eine sinnvolle Sache. So kann Jan den Umhang auch im nächsten Jahr wieder verwenden!
Die Kinder des Kindergartens, die von den Druckknöpfen natürlich nichts wissen, sind begeistert. Und während Julian sich den Mantel umhängt

und nun nicht mehr frieren muss, singen die Kinder begeistert noch einmal „Sankt Martin, Sankt Martin…“ „Sein Ross, das trägt ihn fort geschwind“ – na ja, ganz so genau muss man bei der gemütlichen Friedlinde die Sache dann doch nicht nehmen.

Laternenumzug statt St. Martin

Vor ein paar Jahren wollten ein paar engagierte Eltern den Sankt Martins-Umzug in unserem Dorf abschaffen. Sie wollten keine religiösen Symbole im Kindergarten. Einen Laternenumzug – ja, den könnte man machen. Aber keine „unzulässige Missionierung“, keine „religiöse Indoktrination“, wie sie es nannten. „Cherry picking“ würde man heute vielleicht sagen: sich die Rosinen aus dem Kuchen picken wollen. Haben wollen, was am besten schmeckt. Den Rest eliminieren, egal, was andere dazu sagen. „Kurzdenker“ wäre auch ein passender Begriff.

Mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer als je zuvor

Ihren Willen konnten sie haben. Weil bei einem Laternenumzug das Datum egal ist, wurde der einträchtig auf den 8. November gelegt. Die Hauptbeschwerdeführer, vier Elternpaare, nahmen mit ihren Kindern teil. Das war’s. Drei Tage später, also punktgenau am Martinstag, führte eine blitzschnell gegründete „Bürgerinitiative Dorfleben“ den ganz normalen Martinsumzug und damit „die religiöse Indoktrination“ durch. So wie immer. Nur nicht veranstaltet vom Kindergarten, sondern von der Bürgerinitiative. In jenem Jahr nahmen mehr Eltern, Kinder und Dorfbewohner teil als je zuvor. Die Erzieherinnen des Kindergartens kamen mit dem Waffelbacken und Glühweinausschenken gar nicht mehr nach. Die waren natürlich nicht als Erzieherinnen dabei, sondern als Mitglieder der Bürgerinitiative. Eine irre Geschichte. Seitdem ist das Gerede von „unzulässiger Missionierung“ verstummt. Und der Versuch winziger, aber laut schreiender Minderheiten, die große Mehrheit am Ring durch die Manege zu führen, auch.

Pferdedecke statt Mantel?

Für mich sind die Martinsumzüge, vor allem natürlich in unserem Dorf, eine wundervolle Tradition. Und sie sind weitaus mehr als sinnentleerte Folklore. Auch wenn der Inhalt der Legende vielleicht etwas auf der Strecke bleibt. Dieser Legende nach soll Martin ja seinen Mantel mit dem Schwert zerteilt haben. Na klar, Jan schneidet weder Jacke, Hemd noch Hose durch. Das würden Sie auch nicht! Damit wäre nämlich nichts gewonnen. Im Gegenteil. Dann würde nämlich nicht nur der Bettler frieren, sondern Sie auch. Ich kann mir gut vorstellen, dass der historische Martin seine Pferdedecke genommen hat. Stimmt vielleicht gar nicht. Aber die könnte er prima zerteilen. Er würde nicht mehr ganz so weich sitzen und dem Bettler würde rundum warm.

Auf Augenhöhe

Das Bemerkenswerteste aber: Um die Decke vom Rücken des Pferdes zu nehmen, muss Martin von seinem Pferd abgestiegen sein. Anders geht das gar nicht! Und darin liegt das Faszinierende dieser Legende: Der stolze Soldat hoch zu Ross nimmt den am Boden sitzenden Bettler überhaupt wahr. Für diesen Menschen aus der untersten Schicht des Volkes, für diesen Ausgestoßenen und Verachteten zügelt er sein Pferd. Und dann steigt er vom Pferd und begibt sich mit dem Hilfesuchenden auf eine Stufe. Auf Augenhöhe! Solidarisch mit dem Armen. Und Martin beseitigt die gesellschaftliche Ungerechtigkeit: dass es nämlich der eine im Sattel schön bequem hat, während der andere friert, ja, vielleicht sogar vom Kältetod bedroht ist.
Genau das ist für mich die Botschaft der Martinslegende: Sich mit dem Hilfesuchenden auf eine Stufe bringen, sein Schicksal, sein Leid teilen. Und zwar dauerhaft. Denn der Bettler darf den Mantel ja behalten!

Sankt Martin gegen soziale Kälte

„Religiöse Indoktrination?“ „Unzulässige Missionierung?“ Wer sich heute über soziale Kälte in unserer Gesellschaft beklagt und gleichzeitig alles daransetzt, dass die Vorbilder für eine bessere Gesellschaft möglichst unter den Teppich gekehrt werden, hat irgendetwas nicht verstanden. Aber das ist ja bei vielen so, die trotz winzigen Tellers nicht einmal bis zu dessen Rand gucken, geschweige denn darüber hinaus. Wenn bei uns heute Abend am Rande des Martinsumzugs ein bisschen von diesem Geist der hilfsbereiten, friedfertigen Gesellschaft herüberkommen sollte, dann gerne auch mit Glühwein und heißem Orangensaft!

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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