Poolschlitzer peinigt Kinderseelen (3. September)
Temperaturen, die noch einmal an so etwas wie Sommer erinnern; wolkenloser Himmel und dann das bevorstehende Wochenende – was will man mehr? Noch einmal im Freien zum Schwimmen gehen – wer weiß, wie lange das in diesem Jahr noch geht. Und weil eine Kollegin seit einem Vierteljahr Mutter ist, freut sie sich drauf, in wenigen Stunden mit Mann und Kind in einen aufblasbaren Swimmingpool zu steigen und ein bisschen zu plantschen. So eine Art überdimensionaler Schwimmreifen mit Boden, 80 Zentimeter hoch und knapp zwei Meter breit. Eine großartige Sache im Sommer, vor allem für Kinder. Das Wasser, so hofft die Kollegin, sollte angesichts der starken Sonneneinstrahlung einigermaßen warm sein.
Der „Poolschlitzer“
Hank, ein Kollege, der eigentlich Johannes heißt, sich zu Schulzeiten Hannes nennen ließ, bis ihm Hank viel cooler erschien, ist eine Art wandelndes Lexikon. Natürlich weiß er auch zum Thema „aufblasbarer Pool“ etwas zu erzählen. Vor ein paar Jahren, so Hank, habe in Unterfranken ein Unbekannter mit schöner Regelmäßigkeit aufblasbare Schwimmbecken aufgeschlitzt. Rund 50 Stück wurden bei der Polizei angezeigt. Aber oft sei die Dunkelziffer bei solchen Delikten ja noch einmal genau so hoch. Sein „Einzugsgebiet“ war nicht nur auf ein Dorf oder einen Stadtteil gerichtet, sondern auf halb Unterfranken. Zumindest hat Hank das so in seinem Kopf abgespeichert. „Poolschlitzer“ nannten die regionalen Medien den Täter. Weil auch ein paar überregionale Nachrichtenagenturen über die Vorfälle berichteten, erfuhr damals auch Hank davon.
Nicht reparierbar
Wie krank ist das denn? Da kundschaftet also ein durchgeknallter Typ irgendwie aus, auf welchen Grundstücken solche aufblasbaren Pools stehen, kommt nachts zurück und sticht ein Loch hinein?
Hank schüttelt den Kopf. „Ein Loch hätte man reparieren können. So wie bei einem Fahrradschlauch: Flicken drauf, fertig.“ Der „Poolschlitzer“ habe die Gummiwulst einen halben Meter oder mehr aufgeschlitzt. Ein so großer Defekt lasse sich nicht so einfach reparieren.
Gegen Lebensfreude
Nicht schön, was Hank da erzählt. Die Kollegin ist entsprechend beunruhigt und will ganz schnell nach Hause. Bei mir läuft das Kopfkino auf Hochtouren. Sofort stelle ich mir meine Nachbarn vor, beide Rentner, wie sie ihren Enkelkindern im Garten solch ein Plantschbecken aufgebaut haben, die Enkelchen ausgelassen herumplantschen, den Sommer genießen und sich des Lebens freuen – und am nächsten Morgen geht nichts mehr. Weil irgendjemand dem Pool auf ziemlich brutale Weise die Luft abgelassen hat? Ein Erlebnis, dass die Enkel lange mit sich herumtragen dürften. Und die Großeltern auch. Genauso soll es in Unterfranken mindestens 50 Großeltern, Eltern, Kindern und Enkelkindern ergangen sein? Dass jemand nicht ertragen kann, dass sich andere Menschen an ihrem Leben erfreuen? Unglaublich! Aber leider wahr, bestätigt Hank noch einmal.
Aufmerksamkeit und Stressabbau
In mir meldet sich die Küchenpsychologin: Na gut, wir hatten alle eine schwere Kindheit. Die einen mehr, die anderen weniger. Und jeder hat seinen eigenen Schaden, den er mit sich herumträgt und mit dem er umgehen muss. Irgendwie. Aber was ist diesem Unmenschen widerfahren, dass er seine Verletzungen und seinen Hass an ihm unbekannten Kindern auslässt?
„Stressabbau“, erwidert Hank kurz und knapp. Ich starre ihn an, erwarte mehr.
„Weil die Polizei eine Sonderkommission gebildet hatte, ist der Mann nach sieben oder acht Jahren gefasst worden. Vor Gericht gab er an, er habe mit diesen Taten Stress abbauen wollen! Und natürlich habe er die Aufmerksamkeit genossen, als die Zeitungen von seinen Aktionen berichteten.“
Auch Einhorn gemeuchelt
Ich bin sprachlos. So ist Hank: Genau so eine Sprachlosigkeit provoziert er
ganz gerne mal. Meistens setzt er dann noch eins drauf. So auch in diesem Fall. Grinsend erklärt er noch, dass der Täter auch ein paar Schwimm- und Badeinseln, ein paar Luftmatratzen sowie ein aufblasbares Einhorn gemeuchelt habe. Wie Hank das erzählt, muss ich fast schon wieder lachen. „Eine Atempause gab es nur, als der Kerl wegen Brandstiftung einsaß“, holt mich Hank auf den Boden der Tatsachen zurück. Na, großartig!Mildes Urteil und Therapie
Die Fälle, die dem Täter nachgewiesen werden konnten, erzeugten einen Sachschaden von rund 12.000 Euro. Die zuständige Richterin verhängte eine Geldstrafe von 1.500 Euro und ordnete eine ambulante Therapie an. Sollte noch einmal etwas vorkommen, drohe eine Haftstrafe, soll sie eindringlich gesagt haben. Das war’s.
Die Geschichte mit der Therapie finde ich in Ordnung. Dem Mann muss geholfen werden. Dringend! Ansonsten ist das Urteil ganz schön milde, zumindest gemessen an dem, was der Mann angerichtet hat. Denn abgesehen vom materiellen Schaden hat er einer Unmenge Kinder- und Erwachsenenseelen heftigen Schaden zugefügt hat. Kinder, die gar nicht begreifen können, warum ihnen jemand hinterhältig und gemein begegnet und warum jemand ihr kleines tägliches Glück zerstört.
Eltern und Kinder
Schon wieder legt mein Kopfkino los, spielt mir Geschichten mit Kindern vor: von Menschen, die sich nach Kindern sehnen, aber keine bekommen können; von Eltern oder Großeltern, die etwas von sich in ihren Kindern wiederentdecken; von Vätern und Müttern, die versuchen, ihre Werte an ihre Kinder weiterzugeben; von Eltern, die unter der schweren Erkrankung eines Kindes leiden oder, im schlimmsten Fall, mit dessen Tod nicht zurechtkommen, jeglichen Halt im Leben verlieren.
Kinder sind die Zukunft. Kinder sind der Garant dafür, dass das Leben weitergeht. Kinder sind unverdorben – zumindest so lange, bis sie die Welt der Erwachsenen kennenlernen. In diesem Sinne hat der alte biblische Spruch schon eine besondere Bedeutung: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“
Vergehen gegen die Kinderseelen
Stattdessen hier das Gegenteil: Schon die Kleinen werden mit etwas konfrontiert, dass ihr grenzenloses Vertrauen ins Leben nachhaltig schädigt. Das ist viel schlimmer als die Zerstörung eines dämlichen Plastikpools. Der ist zu ersetzen. Das beschädigte Vertrauen zu heilen, ist viel schwieriger. Da gibt es erste Schrammen an der Kinderseele. Und genau hier liegt für mich das Hauptvergehen des „Poolschlitzers“. Bestraft wurde er aber wohl vor allem für den Sachschaden, den er angerichtet hat. Eine merkwürdige Welt, in der wir leben. Oder?
Heute Abend werde ich erst einmal meine Kollegin anrufen. Dass der Täter längst gefasst ist, hat sie nicht mehr mitbekommen. Dazu wollte sie plötzlich zu schnell nach Hause, damit ihrem Kind ja kein Haar gekrümmt wird. Und bei Gelegenheit werde ich Hank sagen, dass er sich demnächst genauer überlegen soll, wem er seine Schauergeschichten erzählt. So ein bisschen ist mir die Lust vergangen, an diesem Wochenende noch einmal schwimmen zu gehen. Aber unser Freibad ist zum Glück gemauert und alles andere als ein aufblasbarer Gartenpool.
Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.
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