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Miley Cyrus, Jennifer Lopez, Cristiano Ronaldo, Shakira… und 20 Stufen (29. Juli)

Sie sind die unumstrittenen Stars in ihrer jeweiligen Szene und auch in den sozialen Medien: Bei Instagram haben Interpreten wie Miley Cyrus rund 140 Millionen Follower, Jennifer Lopez Follower über 180 Millionen und Justin Bieber über 180 Millionen. Nicht einmal viel im Vergleich zu Fußballer Lionel Messie mit rund 230 Millionen und Cristiano Ronaldo mit über 310 Millionen Followern. Dass Shakira bei Facebook als Erste die 100 Millionen-Grenze geknackt hat, ist ebenfalls bemerkenswert. Das war nämlich bereits im Jahr 2014. Dass Ina 140, Janik knapp 400 und Sarah sogar weit über 700 Freunde bei Facebook haben – na ja, wer hat das nicht?

Follower und Freunde

Jemandem in den sozialen Medien zu folgen, heißt, sich für ihn und das, was er tut, zu interessieren. Immer auf dem Laufenden zu sein, was dieser Mensch gerade tut, was er vorhat, wie es ihm geht. Großartig, wenn Menschen voneinander wissen. Selbst wenn es manchmal nur das Wissen um eine Erkältung ist. Aber irgendwie zeigt die Anzahl der „Follower“ und „Freunde“: Ich bin beliebt, ich bin interessant. Ich bin für andere wichtig. Wir sind als Menschen miteinander verbunden. Gibt es Schöneres?

20 Stufen

An all die „Follower“ und „Freunde“ musste ich denken, als ich gestern in einem Buch eine Postkarte wiederfand, die dort schon länger als Lesezeichen ihr Dasein fristet. Darauf eine junge Frau, lange Haare, lockerer Pulli, Jeans. Eine Frau im Rollstuhl. Im Hintergrund ist eine Treppe zu sehen. Und in deutlichen Buchstaben ist auf der Karte zu lesen: Was nützen mir all meine Freunde bei Facebook, wenn die Treppe 20 Stufen hat?

Schon klar, diese Karte ist kein Schnappschuss. Das Motiv ist gestellt, ist Teil einer Kampagne. Nicht gegen die sozialen Medien, nicht gegen die so genannten Freunde, die man bei Facebook Schritt für Schritt zusammensammelt. Nein, es handelt sich um eine Kampagne zu mehr Behindertenfreundlichkeit, zu mehr Hilfsbereitschaft unter uns Menschen.

Opa ist bei Facebook

Unsere Welt dreht sich, schreitet mit rasanter Geschwindigkeit voran. Wenn mein Großvater davon berichtet, er habe mit ein paar Groschen in der Hosentasche an einer öffentlichen Telefonzelle angestanden, um Oma anzurufen, dann kommt mir das vor wie aus einer anderen Welt. Und das ist es auch. Ich weiß ja kaum noch, was Groschen sind, geschweige denn, was eine öffentliche Telefonzelle sein soll. Selbst wenn das alles wohl noch gar nicht so lange her ist. Aber in unserer Welt geht nichts ohne das Handy, gehören Insta, Twitter und TikTok zum Alltag. Ohne YouTube geht sowieso nichts. Xing und LinkedIn sind unerlässlich, wenn man sich weitere Chancen im Job erhofft. Nur Facebook wirkt da schon ein bisschen old fashioned. Aber vielleicht kommt mir das auch nur so vor, seit sogar mein Großvater bei Facebook unterwegs ist. 80 Freunde hat er schon, so sagte er mir stolz in der letzten Woche. Immerhin!

Bekannte statt Freunde?

Mir wäre ohnehin lieber, wenn der Begriff „Freunde“ bei Facebook verschwinden würde. „Bekannte“ – dieser Begriff wäre mir lieber. Denn genau das sind die Facebook-Freunde: Bekannte, die man aus irgendwelchen Zusammenhängen kennt. Oder für die man sich in irgendeiner Weise

interessiert.
Ein Freund – das ist für mich mehr. Das ist einer, auf den ich zählen kann. Jemand, mit dem ich mich auch über vertrauliche Dinge austauschen kann. Jemand, dem ich mehr vertraue als meiner eigenen Verwandtschaft. Für meine Verwandtschaft kann ich nichts. Meine Freunde, meine wirklichen Freunde – die suche ich mir selbst aus.

Freunde oder Freunde?

Und zugegeben: Während ich bei Facebook Hunderte von Freunden habe, sind es im wirklichen Leben nur ganz, ganz wenige Menschen, die ich so nenne. Fast möchte ich sagen: denen ich diesen Ehrentitel verleihe. Menschen, auf die ich mich auf Gedeih und Verderb einlasse. Und die auch auf mich zählen können. Zu hundert Prozent! Jederzeit. Egal, was passiert. Erst recht natürlich, wenn ich Hilfe brauche. Ein richtiger Freund im Leben sind mehr als Millionen von Freunden, von Followern in den sozialen Netzwerken. Was übrigens ganz sicher auch die Ronaldos, J Los und Shakiras dieser Welt wissen. Oder zumindest wissen sollten. Ganz sicher bin ich mir da allerdings nicht bei jeder dieser Berühmtheiten.

Nobody loves you when… – Der Faktor Mensch

Deshalb noch einmal zurück zu meinem Großvater. In seiner Plattensammlung habe ich einen Song von John Lennon gefunden: „Nobody loves you when you’re down and old“, singt Lennon da. Anschließend ließe sich die Frage: Was passiert eigentlich mit einer Berühmtheit, wenn sie nicht mehr berühmt ist, nicht mehr im Fokus steht? Was passiert mit einem Menschen, der wegen seiner „beruflichen Leistungen“ verehrt wird, diese aber dann irgendwann nicht mehr bringt? Oder einfach nicht mehr bringen möchten? Fußballer, Künstler und viele andere – werden sie auch geliebt und verehrt, weil sie spannende, großartige Menschen sind? „Everybody loves you when you’re six foot in the ground“, singt John Lennon. Aber dazwischen? Zwischen berühmt sein und unter der Erde liegen? Da zählt der Faktor Mensch.

Annehmen

Immer mehr Freunde, immer mehr Follower? Gibt es einen Zusammenhang zwischen einer wachsenden Zahl von Followern und Freunden in den sozialen Medien und abnehmender Menschlichkeit, wachsender sozialer Kälte? Zumindest beschäftigt mich diese Frage. Und das gewaltig!
Die eingangs erwähnte Postkarte mit der Rollstuhlfahrerin vor der unüberwindlichen Treppe habe ich von ihrem Schattendasein in einem meiner Bücher befreit. Für eine Zeitlang wird sie nun auf meinem Schreibtisch stehen, angelehnt an ein Zettelkästchen. Eine Aufforderung, für seinen Nächsten da zu sein, ihn als Menschen anzunehmen. Oder eben da zu sein, wenn jemand 20 Stufen nicht alleine bewältigen kann.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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