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Drei, zwei, eins – Zwangsjacke! (10. Oktober)

Drei, zwei, eins – meins: Sie kennen diese alte Werbung, mit der das Online-Auktionshaus Ebay eine Zeitlang auf sich aufmerksam machte. Zugegeben: Auch bei mir gar es eine Phase, wo ich vor dem Bildschirm mitfieberte und hoffte, einen besonderen Artikel für relativ wenig Geld zu ersteigern. Ärgerlich, wenn dann quasi in letzter Sekunde doch noch

Gefahr erkannt…

jemand anderes den Zuschlag bekam. Weil er nämlich mein Limit um wenig Geld überbot. Ach hätte ich doch 50 Cent mehr geboten. Ob ich dann tatsächlich den Zuschlag erhalten oder doch wieder überboten worden wäre – wer weiß das schon? Aber beim nächsten Mal… Bis ich dann irgendwann merkte, dass es immer ein nächstes Mal geben würde. Bevor ich „Ebay-süchtig“ wurde, wie ein Bekannter das mal nannte, ließ ich Ebay Ebay sein. Und mied natürlich auch alle anderen Auktionshäuser. Mittlerweile ist die gesellschaftliche Diskussion darüber, ob man durch Online-Auktionshäuser süchtig werden kann, längst abgeflaut. Und weil der alte Spruch „Gefahr erkannt – Gefahr gebannt“ in bestimmten Situationen immer noch gilt, bin ich mittlerweile auch ab und an mal wieder dabei. So auch gestern. Wobei das völlig uninteressant ist.

Zwangsjacke ersteigert

Viel interessanter ist die Erfahrung, die ein damals 29jähriger machte und die mir beim Mitbieten um einen Artikel wieder einfiel: Der Mann aus Kaiserslautern gewann nämlich eine Auktion, an die er vermutlich sein Leben lang denken wird. Er ersteigerte nämlich einen wirklich ungewöhnlichen Gegenstand: eine Zwangsjacke. beim Warten vor dem Bildschirm Aber wirklich nur ab und an. Und natürlich schlüpfte er sofort hinein.
Genau genommen ist in diesem Moment die Geschichte beendet. Denn Sie ahnen natürlich, was kommt: Nachdem er die Zwangsjacke angezogen hatte, kam er nicht wieder aus ihr heraus. Den Rest der Geschichte muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: In seiner ganzen Not lief der gescheiterte Entfesselungskünstler auf die Straße und bat Passanten um Hilfe. Die Leute waren eher zurückhaltend, mochte an die versehentliche Fesselung nicht so recht glauben.

Was für eine Geschichte

Und ganz ehrlich: Auch ich wäre äußerst skeptisch gewesen. Was ist denn das für eine Geschichte? Da steht einer in einer Zwangsjacke auf der Straße, erzählt mir einem vom Pferd respektive er habe die Jacke bei Ebay gekauft. Und käme jetzt nicht wieder heraus? Würden Sie das glauben?
Andererseits: Wie schrecklich ist das eigentlich, wenn man sich in einer Notlage befindet, aber niemand hilft, weil alle Angst haben, das ihnen anschließend etwas Unangenehmes passieren könne? In diesem Fall: Dass sich jemand, der aus gutem Grund in eine Zwangsjacke gesperrt wurde, die ganze Geschichte rund um die Ebay-Auktion ausgedacht hat und unmittelbar nach seiner Befreiung daraus plötzlich auf die Menschen losgeht. Keine Ahnung, was der dann machen würde. Dumpf erinnere ich mich an einen „Ratgeber zum Überleben unter Idioten“: „Du kannst sie nicht alle töten“, hieß der. Könnte der Typ mit der Zwangsjacke auch nicht. Aber wenn ich der eine bin, dem er an die Gurgel ginge, würde das ja schon reichen. Mir jedenfalls.

Angst oder Achtlosigkeit

Gedanken, die vielen Menschen in ungewöhnlichen Situationen durch den Kopf schießen. Schauspieler Lex Barker könnte heute noch als Old Shatterhand durch die Gegend reiten, wenn ihm jemand geholfen hätte, als er mit einem Herzinfarkt mitten in New York auf dem Gehsteig lag. Na okay, der Mann wäre mittlerweile 102 Jahre alt. Da würde er vielleicht gerade noch mit dem Rolli durch die Gegend fahren. Aber wenige Tage nach seinem 54. Geburtstag an einem Herzinfarkt zu sterben, während Hunderte von

Passanten achtlos an einem vorbeilaufen – das hätte nun wirklich nicht sein müssen. Angst und Achtlosigkeit als schlimmste Feinde des Menschen? Das wäre nun wirklich eine Entwicklung in eine falsche Richtung. Oder ist sie das nicht schon längst?

Hilfe und Polizeibericht

Der 29jährige aus Kaiserslautern fand am Ende jemanden, der ihn aus der Zwangsjacke befreite. Der freundliche Helfer alarmierte aber vorsichtshalber noch schnell die Polizei. Denn auch er hatte dieses „Man kann ja nie wissen“ im Kopf… Die Freunde und Helfer waren wohl am Anfang auch etwas skeptisch. Aber eine Überprüfung der Personalien hat wohl schnell Abhilfe geschaffen. Dass der Zwangsjackenheld nun auch noch in einem Polizeibericht vermerkt wurde, zwar augenzwinkernd, aber doch irgendwie sachlich, war ihm angeblich sichtlich peinlich. Und wird dazu beigetragen haben, dass diese gewonnene Auktion wirklich zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen.

Eigene Zwangsjacken

Eigentlich nur eine Geschichte zum Schmunzeln, wirft die gescheiterte Selbstbefreiung aus der Zwangsjacke dennoch bleibende Fragen auf: In welche Zwangsjacken stecke ich mich in meinem Alltag, in welche lasse ich mich stecken? Als Kinder hatten wir Mutproben. Einmal quer durch den Kanal schwimmen – oder du bist feige und fliegst aus der Clique. Als man mich kurz vor dem Ertrinken aus dem Wasser zog, wusste ich bereits, was für eine Idiotin ich gewesen war. Der strafende Gesichtsausdruck meiner Mutter und das anschließende Donnerwetter waren im Grunde gar nicht mehr nötig. Nicht jeder hat so viel Glück wie ich an diesem Tag! Bestes Beispiel: eine Klassenkameradin, die aus Neugier oder Angeberei leichte Drogen ausprobierte und dann aus dem Teufelskreis nicht mehr herauskam. Ihr Entzug soll die reine Hölle gewesen sein. Wiedergesehen haben wir sie nicht.

Für niemanden verbiegen

Als Erwachsener habe ich längst Antworten auf die Dummheiten meiner Kinder- und Jugendtage gefunden. Ich muss niemandem etwas beweisen, muss kein Held sein und auch nicht im Mittelpunkt stehen. Wer mich nicht mag, wie ich bin, der lässt es eben. Ich fühle mich weder als Loser noch fühle ich mich minderwertig. Meine Eltern haben mir schon nach meinem Desaster im Kanal deutlich gemacht, dass sie mich lieben wie ich bin – trotz meiner Schwächen und Fehler, trotz all meiner Macken. In dieser Gewissheit bin ich aufgewachsen. Und bin meinen Eltern unendlich dankbar dafür. Durch sie weiß ich: Natürlich muss ich den Mustern, in denen ich stecke, nachspüren, muss sie erkennen, um mich von ihnen zu befreien, wenn ich das will. Aber ich muss mich für niemanden verbiegen, muss nicht auffallen, muss mir keine wie auch immer geartete Zwangsjacke anlegen. Eine Gewissheit, die mich frei sein lässt. Auch frei von der Hilfe anderer. Und das finde ich ganz gut so.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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