Die Welt will betrogen werden, Aber den größten Vogel habe immer noch ich! – Über das mehr Scheinen als Sein. (21. Juni)
Jonas, mein Nachbar, wollte schon immer eine eigene Yacht haben. Na ja, nicht so ein Riesending. Aber ein Boot, auf dem man es schon bequem aushalten kann. Immer wieder, wenn es in unseren Gartenzaun-Gesprächen um Urlaub geht, erzählt er von seinem großen Traum: einmal für drei Wochen durch Holland zu schippern. Hm, man kann so ein Ding ja auch mieten, sage ich ihm. Doch Jonas winkt ab. Nee, etwas
Eigenes soll es sein. Aber wie das nun mal so ist: Bisher fehlte ihm das nötige Kleingeld.
Wohl im Lotto gewonnen?
Seit zwei Wochen ist alles anders. Seitdem nämlich steht ein schnittiges glänzendes Etwas in seiner Garage. Dachte ich zumindest und die restlichen Nachbarn in unserer Siedlung wohl auch. Als ich den Müll raustrage, sehe ich sie in sicherer Entfernung alle vor der Garage von Jonas stehen, diskutierend und immer wieder auf das Objekt seiner Begierde zeigend. „Wohl im Lotto gewonnen“, denke ich so. Stimmt aber nicht. Denn schnell stellt sich heraus: Jonas hat lediglich ein dreidimensionales Bild an seinem Garagentor befestigt. Absolut realistisch, keine 200 Euro, das Internet macht’s möglich! So schnell montiert, dass niemand von uns Nachbarn den Vorgang mitbekommen hat. Dazu noch so echt, dass man schon ziemlich nah rantreten muss, um den Schwindel zu bemerken. Dann erst entdeckt man auch das Werbelogo des Herstellers, das man beim ersten Blick glatt übersieht.
Nachbarschaft infiziert: mehr scheinen als sein
Das alles wäre kaum der Rede wert. Aber eine knappe Woche später hat der Nachbar gegenüber einen Rennboliden in seiner Garage. Der zweite Blick offenbart: auch hier nur eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Sie ahnen es schon: Nachbar Nummer drei beteiligt sich mit der Illusion von zwei Paletten voller Goldbarren, wird aber nur wenige Tage von Nachbar Nummer vier übertroffen. Auf dessen Garagentor deuten zwei spärlich bekleidete Hungerhaken fotorealistisch Table Dance und Striptease an. Was ich nun doch für ziemlich sexistisch halte. Aber meinetwegen. Wenn er das braucht. Ich muss ja nicht hingucken.
Zugzwang! Wie kann man das noch toppen?
Auch ich habe eine Garage. Zwar nur gemietet, aber immerhin. Yacht, Rennwagen, Goldbarren und erst recht die beiden „Turnerinnen“ sind eh kaum zu übertreffen. Will ich aber auch gar nicht. Deshalb muss ich gar nicht lange nachdenken: Meine Garage bleibt grau! Das Durcheinander von Sein und Scheinen mache ich nicht mit. Ich möchte einfach so sein, wie ich bin. Auch auf dem Garagentor. Was nutzt der schöne Schein, wenn er doch sowieso entlarvt wird? Vor allem: Warum überhaupt sollte ich ein Scheinbild von mir aufbauen? Ich will gar nicht darüber hinwegtäuschen, wer oder
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was ich bin.
Und selbst wenn ich es mit solchen Aktionen wie dem Pimpem meiner Garage täte – in Wirklichkeit wäre ich doch niemand anders. Und wahrscheinlich würde ich mich auch nicht anders fühlen als jetzt. Aber bitte, ich bin da natürlich kein Maßstab.
Hochstapler bei Gottfried Keller, Carl Zuckmayer, Thomas Mann
Klar, Gottfried Keller hatte schon recht: Kleider machen Leute. Dieser Satz gilt auch heute noch. Vielleicht sogar mehr denn je. Und ein Hauptmann von Köpenick, vor 90 Jahren von Carl Zuckmayer als Dreiakter fürs Theater geschrieben und heute, auf den Tag genau, vor 64 Jahren mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet, würde immer noch die Menschen an der Nase herumführen. Sie erinnern sich? Der unsterbliche Heinz Rühmann als Schuster, der auf die schiefe Bahn gerät und deshalb keine Chance mehr hat, in seinem Beruf zu arbeiten. Der vor dem Abgrund steht, bis er bei einem Trödler eine ausgediente Hauptmannsuniform kauft, von da an allen und jedem Befehle gibt und sich dadurch über die Runden bringt. Ach ja, die Literaturgeschichte ist voll von solchen Hochstaplern. Sorry, wenn ich da ins Schwärmen komme. Aber diese Dreistigkeit, mit der andere in Rollen schlüpfen und daraus erfolgreich agieren, fasziniert mich. Wahrscheinlich, weil ich so etwas überhaupt nicht kann. Aber denken Sie nur an Thomas Mann’s Figur „Felix Krull“. Auch der erkennt letztlich, dass sein Publikum
Täuschung ist alles: David Copperfield, Ehrlich Brothers
betrogen werden und sich an Illusionen berauschen möchte. Sind wir heute anders? Jeder Heiratsschwindler beherrscht dieses Metier. Und würden wir uns wirklich Illusionisten wie David Copperfield oder, etwas jünger, die großartigen Ehrlich Brothers antun, wenn wir nicht betrogen werden wollten? Na gut, vielleicht wollen wir auch betrogen werden um herauszufinden, mit welchen Tricks wir denn hinter’s Licht geführt wurden. Aber das geht nun einmal nicht, ohne vorher getäuscht zu werden.
Der Wirklichkeit entfliehen?
Ob Jonas so weit gedacht hat, als er sich seinen Wunschtraum, nämlich die eigene Yacht, auf seinem Garagentor verwirklichte? Als Illusion dessen, was er in der Realität nie erreichen wird? Wohl kaum. Allenfalls könnte man einwenden, dass er sich selbst betrügen wollte, für sich selbst eine kleine Illusion auf das Garagentor zaubern wollte. Ein kleiner Selbstbetrug, der von der Wirklichkeit ablenkt, sie aber sofort schmerzlich wieder wachruft: Jonas wusste ja als erster, dass es sich um eine Illusion handelt. Eine, die ihm bei jedem Blick zuruft: „Hallo, ich bin unecht. Ich bin nur eine Art Fata Morgana dessen, was nie sein wird.“
Mal abgesehen davon, dass ich gar nicht weiß, was mein Vermieter sagen würde, wenn ich „mein“ Garagentor so verändern würde: Meine Garage bleibt, wie schon gesagt, grau! Obwohl: Wenn ich ganz ehrlich bin, dann könnte ich mich allenfalls für einen überdimensionalen, bunten Papagei begeistern. Damit könnte ich wenigstens noch sagen: Den größten Vogel, den habe immer noch ich!
Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.
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