Der Löwe von Münster, Kardinal von Galen (16. März)
Als ich als Jugendlicher zum ersten Mal den Begriff „Löwe von Münster“ hörte, dachte ich an ein langmähniges Raubtier. Eines, das sich faul in der Sonne räkelt und irgendwann nachts auf die Jagd geht. Auf die Jagd nach schwachen Tieren, die ihren Herden nicht mehr folgen können und deshalb schutzlos geworden sind. Dann entstand irgendein Zusammenhang mit der Stadt Münster. Prima. In diese Stadt mit
dem großen Zoo – dahin konnte so ein Löwe gut passen. Na gut, man kann nicht alles wissen, erst recht nicht als Jugendlicher.
Aber mittlerweile weiß ich, dass alle meine frühen Vorstellungen über dieses mehr oder weniger domestizierte Wüstentier falsch waren. Denn der wahre Löwe von Münster hat einen bürgerlichen Namen: Clemens August Graf von Galen. So ganz nebenbei war er auch Bischof von Münster – damals, zur Zeit des Nationalsozialismus. Und von Galen war alles andere als faul, räkelte sich auch nicht in der Sonne herum. Der Mann war ein Kämpfer. Schon früh erkannte er, dass der Nationalsozialismus schlimme Folgen haben würde. Scharf kritisierte er die Kirchenfeindlichkeit des Regimes, vor allem aber dessen Rassenpolitik. Die planmäßige Ermordung von Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen – von Galen protestierte in seinen Predigten scharf dagegen. Dabei war er sich bewusst, dass er sein eigenes Leben riskierte, dass ihn sein Dasein als Priester kaum schützte. Besonderer Gefahr setzte er sich aus, als er im Sommer 1941 gegen die so genannte Euthanasie gegenüber Insassen von Heilanstalten protestierte.
Bereits in der Weimarer Republik war der Gedanke von der „Vernichtung unwerten Lebens“ aufgekommen. Unter nationalsozialistischer Führung wurde daraus eine vermeintliche Verpflichtung im Sinne der „Volksgesundheit“, der Rassenhygiene, so die Schlagworte. Ab 1934 ermöglichte ein Gesetz die Zwangssterilisierung von Menschen, die angeblich Erbkrankheiten verbreiteten. Zu diesen vererbbaren Erkrankungen gehörte nach damaliger Vorstellung auch der Alkoholismus. Letztlich aber entschied der Staat aber über mehr: nämlich darüber, wer leben durfte und wer nicht, wessen Leben als lebenswert angesehen wurde und wessen Leben nicht. Körperlich und geistig behinderte Kinder, ja sogar verhaltensauffällige Kinder waren die ersten, die diesem Gedankengut zum Opfer fielen. Es folgten zigtausende Erwachsene mit geistigen oder körperlichen Behinderungen, dann
„alte und nicht mehr arbeitsfähige KZ-Insassen“, später systematisch Juden, Roma und Sinti. Für die Kirche, die den Schutz des Lebens auf ihre Fahnen geschrieben hat, untragbare Zustände. Wer genug Mut hatte, so wie Kardinal von Galen, protestierte lautstark und vor allem immer wieder. Vom Kirchenvolk wurde er wahrgenommen als jemand, der wie ein Löwe kämpfte – so entstand schnell der Beiname „Der Löwe von Münster“.Am heutigen 16. März, damals, im Jahr 1878, wurde von Galen geboren. In der nächsten Woche, am 22. März, jährt sich zum 75. Mal sein Todestag. Was ist geblieben von diesem Mann? Ein sicherlich wichtiger Kämpfer in einer längst vergangenen Zeit, so der erste Eindruck. Wenn aber die Deutsche (Bundes-) Post jemandem zu seinem 20. (1966) und zu seinem 50. Todestag (1996) jeweils eine Briefmarke widmet, dann handelt es sich um einen besonderen Menschen. Und das war Kardinal von Galen ganz sicher. Einer, der bis heute Vorbild sein kann im Kampf gegen Ungerechtigkeit. Vorbild immer da, wo Menschen sich nicht selbst verteidigen können. Ein starkes Wort zur richtigen Zeit kann Schwachen helfen zu überleben. Zivilcourage zeigen – bei allen Gefahren, die dabei für das eigene Leben drohen. Ein bewunderungswürdiger Mann, dieser Clemens August Graf von Galen.
Aus gutem Grund ernannte ihn 1946 der damalige Papst Pius XII. zum Kardinal. Im Jahr 2005 sprach ihn Papst Benedikt XVI., gerade einmal ein halbes Jahr im Amt, in einer äußerst emotionalen Zeremonie selig – weniger kirchendeutsch formuliert: erhob von Galen offiziell zum Vorbild. Um zu zeigen, dass da einer vorangeht. Einer, der durch sein Handeln bis heute aktuell ist.
Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.
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