22. Februar – Hinrichtung der Geschwister Scholl („Weiße Rose“)
Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.
22. Februar – Hinrichtung der Geschwister Scholl („Weiße Rose“)
„Was kümmert uns der Mensch? Wichtig ist nur das Öl!“ Auch wenn es eine Urban Legend nährt, vielleicht würde man heute auch eher den Begriff „Verschwörungstheorie“ verwenden – dieser Satz hat nichts mit den militärischen Aktionen der USA Kuweit oder Irak zu tun. Es handelt sich um den letzten Satz des Romans „Weiße Rose“ von B. Traven. Ein Roman, in dem Indianer friedlich eine Hacienda bewohnen, die den Namen „Weiße Rose“ trägt. Weil nun aber der Chef eines Öl-Konzerns dieses Land haben will, wird – rein zufällig, natürlich – der Besitzer der Hacienda ermordet und der Ölmagnat eignet sich die Farm widerrechtlich an. Bereits 1929 veröffentlicht B. Traven seinen Roman und geißelt auf bislang unbekannte Weise den Kapitalismus.
Auch wenn Hans Scholl es später bestreitet: Wahrscheinlich wird Travens Hacienda „Weiße Rose“ Namensgeber der Münchener Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus. Vielfach wurde die Vermutung geäußert, Hans Scholl habe durch seinen Widerspruch seine eigentlichen Motive verschleiern, vor allem aber die anderen Mitglieder der Widerstandsgruppe schützen wollen: allen voran seine Schwester Sophie, Willi Graf, Christoph Probst und Alexander Schmorell, allesamt Studierende in München, sowie den Universitätsprofessor Kurt Huber, dessen Vorlesungen die Mitglieder der Gruppe gehört hatten und den sie später zu einem Beitritt der Gruppe bewegen konnten. Neben diesem inneren Kreis gab es ein weites Umfeld von Unterstützern, außerdem ähnliche Gruppen in Berlin und Hamburg.
Viele dieser Widerständler waren im Umfeld christlicher Kirchen aufgewachsen. Sie sahen der Politik der Nazis gegen die jüdische Bevölkerung sowie ihrem Euthanasieprogramm eindeutige Verstöße gegen die Ideale von Freiheit und Gerechtigkeit. Dass von den Nationalsozialisten 1941 der Religionsunterricht in Schulräumen verboten wurde und dass sich der Löwe von Münster, Bischof Clemens August von Galen, mit seinen Predigten ebenfalls gegen dieses Vorgehen des Regimes stellte, mag eine weitere Motivation für die „Weiße Rose“ gewesen sein. Als die Mitglieder der Gruppe von Massenmorden an Polen und Russen erfuhren und das Elend im Warschauer Ghetto wahrnahmen, wandelte sich die Gruppe von einer Lese- und Diskussionsrunde zu aktiven Widerständlern.
Im Juni und Juli 1942 schickte die „Weiße Rose“ vier Flugblätter an Intellektuelle im Raum München – anonym und mit der Post. Da Graf, Schmorell und Scholl von Juli bis Oktober 1942 als Sanitäter an der Ostfront Dienst leisteten, gab es das fünfte Flugblatt erst Ende Januar 1943. Um nun eher das einfache Volk zu erreichen, war dieses Flugblatt in einfacherer Sprache verfasst. Auch hatte sich der Inhalt verändert: Nach den eigenen Erfahrungen an der Ostfront war die Gruppe davon überzeugt, dass der Krieg verloren würde, es nur eine Frage der Zeit und der Opfer wäre. Mit diesem Flugblatt rief die Gruppe dazu auf, sich von den nationalsozialistischen Machthabern zu distanzieren, letztlich auch, um den sinnlosen Krieg durch Widerstand der Bevölkerung möglichst schneller zu beenden.
Waren bislang lediglich nur wenige Tausend Flugblätter verteilt worden, gelang es der Gruppe, ihr sechstes Flugblatt von britischen Flugzeugen großflächig über Deutschland abwerfen zu lassen. In diesem Flugblatt outeten sich die Verfasser als Münchener Studenten.
Die Nachforschungen der Gestapo, bereits 1942 eingeleitet, konzentrierten sich schnell auf den Münchener Raum: In München waren die Briefumschläge hergestellt, und das Schreibpapier verkauft worden. Der Verteiler der anonym versandten Flugblätter stimmte mit einem Münchener Studentenverzeichnis überein. Zudem schienen deutete der Sprachstil der Flugblätter auf akademische Verfasser hin. Ein Münchener Postbeamte lieferte dann eine Personenbeschreibung eines Mannes, der auffällig viele Briefmarken zu acht Pfennigen gekauft hatte. Am 18. Februar legten Hans und Sophie Scholl Flugblätter an der Universität aus, wurden dabei entdeckt, festgesetzt und der Gestapo ausgeliefert.
In einem kurzen Prozess wurden die Geschwister und Christoph Probst, den die Gestapo mittlerweile auch festgesetzt hatte, am 21. Februar 1943 wegen „Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tod verurteilt. Das Urteil wurde bereits am nächsten Tag, dem 22. Februar 1943, mit dem Fallbeil vollstreckt.
In der Folgezeit wurden viele weitere Gruppenmitglieder verfasst. Willi Graf, Kurt Huber und Alexander Schmorell wurden wenige Monate nach den Geschwistern Scholl ebenfalls zum Tod verurteilt. Weitere Mitglieder der Gruppe
Die von Sophie Scholl geäußerte Hoffnung, dass die Vollstreckung der Todesurteile zu einem Aufstand unter den Studierenden führen werde, erfüllte sich nicht. Tatsächlich nutzten die Nationalsozialisten die Zerschlagung der Widerstandsgruppe dazu, um die Menschen auf den „Totalen Krieg“ einzuschwören.
Widerhall fanden die Hinrichtungen allerdings in New York, wo man den Widerstand der Weißen Rose als „Anzeichen von Spannungen in der deutschen Bevölkerung“ deutete, und in der Propaganda Englands, wo der deutsche Schriftsteller Thomas Mann die Gruppe bewundernd erwähnte. Auch die Sowjets nutzten die Gelegenheit, um ein Flugblatt zu verbreiten, das auf die Widerstandskämpfer hinwies.
Vor dem Eingang der Münchener Universität erinnern mittlerweile eingelassene steinerne Flugblätter an die „Weiße Rose“. Eine steinerne weiße Rose sowie ein Relief mit Gruppenmitgliedern befinden sich im Bereich des Lichthofs der Universität – in etwa dort, wo die Geschwister seinerzeit festgesetzt wurden waren. Außerdem sind die Plätze vor dem Hauptgebäude der Universität nach den Geschwistern Scholl und Professor Kurt Huber benannt. Weltweit gibt es viele Plätze, Schulen, Denk- und Ehrenmäler die den Mitgliedern der „Weißen Rose“ gewidmet sind. Alexander Schmorell, Mitglied der russisch-orthodoxen Kirche, wurde 2012 von seiner Kirche sogar zum Heiligen erhoben. Und warum das alles? Um zu zeigen, dass ein Staat, ein Regime nicht alles darf. Um das Andenken an die Menschen zu bewahren und ihnen Respekt zu erweisen, die für eine gerechte Sache eingetreten sind, und zwar gewaltlos. Und die bereit waren notfalls, dafür sogar mit dem eigenen Leben zu bezahlen. Vorbilder, damit es nie wieder ein menschenverachtendes Regime in unserem Land gibt.
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